Drucken

„Familien sind die wichtigste Bildungsinstitution, die wir haben.“

Aus seiner praktischen Arbeit mit Schulen und aus vielen wissenschaftlichen Studien hat der buddY E.V. die Erkenntnis gewonnen, dass der Einfluss des Elternhauses auf den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen größer ist, als der von Schulen, Unterricht und Lehrern zusammen. Im Gespräch mit Prof. Dr. Rita Süssmuth, Vorstandspräsidentin des buddY E.V., und Prof. Dr. Anne Sliwka, Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wird die Rolle der Familie als entscheidende Bildungsinstitution in den Blick genommen.

Frau Professorin Süssmuth, warum entwickelt der buddY E.V. ein neues Bildungsprogramm für Familien?

Süssmuth: Die Bildungsstudie Pisa hat gezeigt, dass der Einfluss des Elternhauses auf den Lernerfolg von Kindern doppelt so groß ist wie der schulische Einfluss. Zu lange haben wir aber allein auf Schulen und Kindertagesstätten gesetzt, um den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu entkoppeln. Die Elternarbeit wurde vernachlässigt bzw. hat gar nicht stattgefunden. Gleichzeitig sind die Bildungsanforderungen in den letzten Jahren erheblich gestiegen und damit auch der Anteil der in Bildungsfragen überforderten Eltern. Ohne die Eltern geht es aber nicht.

Frau Professorin Sliwka, im Rahmen einer Vorphase haben Sie als Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Heidelberg eine wissenschaftliche Expertise über die Bedeutung der Familie für den Bildungserfolg verfasst, worin die aktuellsten Studien aus den Forschungsfeldern Bildung, Familie, Sozialisation und Schule, der Lehr-Lern-Forschung und der Pädagogischen Psychologie ausgewertet wurden. Diese Expertise bildet die wissenschaftliche Basis des familY-Programms. 
Sehen Sie nun die Aufgabe der Familien darin, das zu kompensieren, was Schule nicht zu leisten vermag und sind Eltern damit nicht zu Recht überfordert?

Sliwka: Nein, damit wären Eltern überfordert. Wir wissen aus der Forschung, dass Variablen wie z.B. das finanzielle, soziale und kulturelle Kapital einer Familie einen großen Einfluss auf den Bildungserfolg haben. Insbesondere Familien, die in geringem Maße über diese Ressourcen verfügen, können dies aus eigener Kraft kaum leisten. Grundsätzlich ist es so, dass man Familie als ein Subsystem in einem größeren gesellschaftlichen System verstehen muss – wir müssen uns dem Thema systemtheoretisch nähern. Es wäre völlig falsch zu glauben, Familien könnten von sich aus ihre eigene Benachteiligung kompensieren. Eine große Verantwortung liegt hier sicher bei der Schule. Aber: Wir wissen auch aus der Forschung, dass die Bestrebungen der Schulen dann besonders wirksam sind, wenn es bei den Kindern ein Kongruenz- und Kohärenzgefüge gibt, d. h. wenn die Bildungsziele und die Bildungserwartungen der Schule sich mit denen der Familie decken. Es ist wichtig, dass die Kinder nicht das Gefühl haben, dass Schule eine völlig andere Welt ist als die Familie, sondern dass sie Familie und Schule nicht als Widerspruch erleben. Das ist unser primäres Ziel. Und um das zu erreichen, geht es um ein Empowerment der Eltern, also eine Stärkung der Eltern, damit diese an der Bildungsbiographie ihrer Kinder Anteil nehmen und sie mitfördern können.

Es gibt doch bereits zahlreiche Programme für Familien, wo setzt das familY-Programm neue Akzente?

Süssmuth: Es gibt in der Tat zahlreiche Programme für Familien. Der Fokus dieser Programme liegt jedoch auf der Unterstützung und Beratung von Familien in Erziehungsfragen. Sicherlich ist Bildung immer ein Teil von Erziehung. Wer starke Kinder will, muss sein Interesse auf starke Eltern richten. Es geht nicht zentral um Elternbildung durch fachbezogene Kurse, sondern um eine nach den buddY-Prinzipien ausgerichtete Aktivierung der Eltern. Die Erfahrungen mit dem buddY-Programm bei Kindern und Jugendlichen sollten schon allein deswegen die Eltern erreichen, damit sie die Potenziale ihrer Kinder, wie auch die eigenen entdecken und zur Geltung bringen. Auch Eltern aus bildungsbenachteiligten Schichten verfügen prinzipiell über weit mehr Potenzial als ihnen zugetraut wird. Eltern dafür zu sensibilisieren, dass sie selbst für den Bildungserfolg im Sinne eines gelingenden Lebens ihrer Kinder verantwortlich sind, ist das Ziel des Programms. Eltern sollen darin gestärkt werden, sich mehr für die schulischen Themen ihrer Kinder zu interessieren und die häuslichen Lernausgangsbedingungen für ihre Kinder zu optimieren.

Sliwka: Die Ansätze, die uns bekannt geworden sind, werden eher regional und meist außerhalb von Schule angeboten. Das familY-Programm hat jetzt durch die Zusammenarbeit mit den Kommunen die einmalige Chance, von Beginn an direkt in kommunal-staatliche, schulische Strukturen hineinzuwirken. Das ist ein großer Unterschied, denn viele der anderen Ansätze sind freiwillige Angebote, z. B. die der Volkshochschulen. Damit erreicht man aber nur bestimmte Elterngruppen, nämlich diejenigen, die bereits sehr interessiert sind und bereit sind, auch Geld in die Hand zu nehmen, um z.B. an einem Training teilzunehmen und dafür abends irgendwohin zu gehen. Das ist alles sehr voraussetzungsvoll.

Sollte hier nicht auch die Politik stärker einbezogen werden? Wesentliche Reformbemühungen in dem Bereich der Familienbildung konnten ja bisher nicht vermerkt werden. 

Sliwka: Es gibt lokal und dezentral einige Programme für Familien, jedoch kein flächendeckendes Programm. Und: Es gibt vor allem keine allgemeingültigen professionellen Standards zur Kooperation zwischen Familie und Schule und zur Elternbildung. Es hängt immer noch viel zu sehr von der einzelnen Schule, dem Engagement der Schulleitung und sogar von der einzelnen Lehrkraft ab, ob überhaupt so etwas wie Elternbildung oder eine professionelle Kooperation zwischen Schule und Eltern angeboten wird. Natürlich müssten uns internationale Vorbilder, die systemisch agieren, viel stärker als Orientierung dienen. Insofern sehe ich einen klaren Handlungsbedarf seitens der Politik.
Über das Netzwerk des buddY-Programms sehe ich die große Chance für das familY-Programm, dieses flächendeckend über staatliche Strukturen zu implementieren. Letztlich muss es mittel- und langfristig darauf hinauslaufen, dass wir professionelle Standards zur Kooperation zwischen Schule und Familie haben werden. Schule müsste sich hin zum sozialen Zentrum, zum Zentrum für Bildung im weitesten Sinne entwickeln. Einige Schulen in Deutschland sind da schon jetzt auf einem vorbildlichen Weg.

Sie möchten vor allem „bildungsferne“ Schichten ansprechen, der Anteil der Familien mit Zuwanderungsgeschichte ist hier besonders hoch. Warum fokussieren Sie sich auf diese Gruppen und ist dies überhaupt realistisch?

Sliwka:
Wir möchten einen Fokus auf Gruppen legen, für die das Programm einen ganz konkreten Mehrwert hat – nämlich Entlastung und die Erkenntnis, dass es ihnen persönlich und ihren Kindern nützt. Im Grunde wünschen sich alle Eltern für ihre Kinder, dass sie gut durch das Leben kommen. Es gibt aber Eltern, die einfach nicht die finanziellen, zeitlichen und kulturellen Ressourcen haben, um ihre Kinder optimal zu unterstützen.
Wir sind uns bewusst, dass es nicht einfach ist, diese Zielgruppen zu erreichen. Gerade weil es z.B. Engpässe bei den zeitlichen Ressourcen gibt, insbesondere bei allein erziehenden Vätern oder Müttern. Hier müssen wir in der Umsetzung des Programms ganz neue Wege beschreiten. In Kanada hat z.B. eine Schule einen Elternworkshop samstags vormittags angeboten, der von vielen allein erziehenden Müttern angenommen wurde. Das Ganze fing zunächst als sozialer Event mit einem gemeinsamen Frühstück an, die Kinder wurden während des Workshops betreut. So ein Angebot muss auch immer Spaß machen und den Mehrwert haben, dass die Leute gerne hingehen, dass sie neue Leute kennen lernen, die in einer ganz ähnlichen Situation sind, wie sie selbst und dass es ein Netzwerk an Menschen gibt, mit denen man sich austauschen kann.

Süssmuth: Meine Erfahrungen sind da andere. Ich erlebe viele Eltern aus sozialen Brennpunkten, die leidenschaftlich an der Bildung ihrer Kinder interessiert sind. Oftmals wissen die Eltern aber einfach nicht, wie sie ihren Kindern helfen können. Wichtig ist es daher, den Eltern Perspektiven zu eröffnen, ihnen Hilfestellungen zu geben und ihnen auch selbst mehr Bildungschancen zu eröffnen. Ein zentrales Anliegen dabei ist, die Selbstwirksamkeitsüberzeugung von Eltern zu stärken, damit sie selbst aktiv werden, sich weiterentwickeln und mit dieser Motivation auch ihre Kinder bei Lernprozessen und in sonstigen Bildungsfragen unterstützen.

Wie soll den Familien dann genau geholfen werden?

Süssmuth: Eine Mutter, die als Kind selbst nie etwas vorgelesen bekommen hat, verbindet Bücher vielleicht nicht mit spannenden Geschichten und dem Eintauchen in eine andere Welt, sondern mit Anstrengung und Mühsal, da sie Lesen hauptsächlich als Aufgabe in der Schule erlebt hat und vielleicht Probleme dabei hatte. Diese Mutter wird ihren Kindern daher vielleicht nie etwas vorlesen. Aber solange sie nicht vorlesen kann, hat sie die Gelegenheit Geschichten zu erzählen oder auch solche zu erfinden. Hier setzt das familY-Programm an: Eltern werden dabei begleitet, selbst positive Lernerfahrungen zu machen und diese dann an ihre Kinder weiterzugeben. Die intensive Auseinandersetzung in den Familien rund um das Thema Bildung kann sich dann ganz konkret so auswirken, dass die Einschulung beispielsweise auf einer Sonderschule nicht als schicksalhafter Zwang hingenommen wird, sondern dass die Eltern gemeinsam mit den Lehrern versuchen, eine andere Lösung zu finden.

Wie soll dann die konkrete Umsetzung des Projektes erfolgen?

Süssmuth:
Um die Familien direkt zu erreichen, soll das familY-Programm in bestehende Strukturen, zunächst in den Projektkommunen Düsseldorf, Berlin und Kreis Lippe, eingebunden werden, danach dann auch bundesweit. Ähnlich wie das buddY-Schulprogramm verfolgt das familY-Programm hierbei einen Multiplikatoren-Ansatz. Interessierte LehrerInnen und Pädagogen aus Grundschule, Kita oder Jugendhilfe, aber auch Eltern sollen zu Multiplikatoren ausgebildet und eingesetzt werden. In der dann anschließenden Erprobungsphase, die voraussichtlich Ende dieses Jahres zur Umsetzung gelangt, werden unterschiedliche Konzepte mit mehreren Familiengruppen erprobt.

Welche neuen Erkenntnisse oder Ergebnisse könnte Ihrer Meinung nach das Pilotprojekt bringen?

Sliwka:
Das ist natürlich im Vorfeld schwer zu sagen. Interessant finde ich vor allem die Frage der Erreichbarkeit der Zielgruppen, das ist die spannendste Frage: Welche Formate lassen sich entwickeln, um wirklich an die Gruppen heranzukommen, die am meisten davon profitieren könnten? Und es ist für mich auch eine offene Frage. Wir haben dazu einige Ideen und Vorschläge entwickelt, und einiges wird ja jetzt im Pilotprojekt getestet. Ganz pragmatische Fragen, wie die nach den Orten und Zeiten finde ich immer am interessantesten und letztlich auch am schwierigsten. Normative Ziele zu setzen ist einfach, das wirklich Interessante ist die Umsetzung. Ein prozessorientiertes Wissen zu gewinnen, ist ohnehin in unserem System ganz wichtig. Wir haben viel inhaltliches Wissen, wir haben mittlerweile auch gute empirische Forschung zu allen möglichen Fragen im Kontext Bildung. Wir haben aber relativ wenig Prozesswissen. Und wir haben fast gar keine Prozessstandards.


Weitere Informationen:
www.buddy-ev.de/familY-Programm

21.03.2011

Diese Seite versenden

Füllen Sie die Felder aus, fügen Sie eine persönliche Nachricht hinzu - und klicken Sie auf "Senden". Der Empfänger enthält per E-Mail eine Benachrichtigung mit dem Link zu der ausgewählten Information.

Code

URL: http://www.vodafone-stiftung.de/content/programme/family-programm/interviews_und_gastbeitraege/index.html

Copyright © 2010 Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH

Stiftung | Programme | Social Entrepreneurship | Thinktank | Presse | Kontakt | Sitemap | Impressum
Copyright © 2010 Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH
The Vodafone Group Foundation

* *