Drucken

„Wir wollen den Erfolg!“

Im Gespräch mit Markus Seidel (42), dem Gründer und Vorstandssprecher der Off Road Kids Stiftung. Für sein Engagement wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und vom Gründer des Davoser Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, zum „Social Entrepreneur“ gekürt.

2009 haben Sie das 15-jährige Bestehen der Off Road Kids Stiftung gefeiert. Rückblickend: Wie hat sich die Lage der Straßenkinder in diesem Zeitraum verändert?

Als wir 1994 mit der Arbeit für Straßenkinder begonnen haben, gab es erschreckend große Zusammenrottungen. Diese untragbare Situation haben wir zumindest an unseren Streetwork- Standorten Berlin, Hamburg, Dortmund und Köln auflösen können. Das heißt auch, dass wir es heute in erster Linie mit Ausreißern zu tun haben, die neu auf der Straße ankommen und dank unserer Hilfe gar nicht erst zu Straßenkindern werden. Viel größer geworden ist die Anzahl der gerade Volljährigen, die aus der Jugendhilfe herausfallen und keinen Schulabschluss haben.

Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?

Wir investieren ungeheuer viel Zeit und Energie, um diese jungen Leute in Schulen und Ausbildungsverhältnisse zu vermitteln– möglichst in ihrem ursprünglichen Heimatgebiet. Wir wollen schließlich eine Integration am „Ersten Arbeitsmarkt“ erreichen. Der Aufwand lohnt sich.

Sie verbinden Sozialarbeit ganz stark mit unternehmerischem Denken – nicht ohne Grund sind Sie in diesem Zusammenhang 2005 mit dem Titel „Social Entrepreneur“ ausgezeichnet worden. Warum dieser Zugang?

Ein Unternehmer möchte einen Gewinn erwirtschaften. Wir auch – wenn auch nicht einen monetären Gewinn: Übersetzt auf die Sozialarbeit bedeutet dies, dass wir nicht des Betreuens wegen betreuen, sondern ein Ziel vor Augen haben. Der unternehmerische Gewinn unserer Stiftung definiert sich also aus Qualität und Anzahl der erarbeiteten Perspektiven für die Jugendlichen. Diese Denkweise ist sicherlich einer der Gründe, weshalb Off Road Kids stark aus der Wirtschaft unterstützt wird. Wir wollen den Erfolg.

Ist es wahr, dass Off Road Kids für die doch sehr erfolgreiche Straßensozialarbeit noch nie einen Cent vom Staat bekommen hat?

Ja, es ist unerträglich: Nüchtern betrachtet wäre es die Mindestaufgabe der staatlichen Jugendhilfe, dafür zu sorgen, dass es in Deutschland keine Straßenkinder gibt. Das tut der Staat aber nicht. Dafür, dass wir diese Arbeit des Staates überhaupt tun dürfen, müssen wir ihm auch noch Geld bezahlen: Sozialabgaben, Lohnsteuer und Mehrwertsteuer brauchen rund die Hälfte unserer Spendeneinnahmen auf. Das ist doch niemals Bürgerwille. Mir liegt es schwer im Magen, wenn man jemandem Geld dafür bezahlen muss, dass man seine Arbeit erledigen darf. Etwa die Hälfte unseres Jahresetats verschwindet so in der Staatskasse.

Geht es Hilfsorganisationen in anderen Ländern besser?

Die Antwort liegt auf dem Tisch, seit die renommierte Kanzlei Linklaters eine Studie zu diesem Thema publiziert hat: Ja, Deutschland ist das Schlusslicht. Wir dürfen ja noch nicht einmal „Danke“ auf die Spendenbestätigungen schreiben. In England bekommen Hilfsorganisationen zu jeder Spende vom Staat noch etwas dazu. Das nenne ich stilvolle Förderung. Wir sollten uns das abschauen.

Kann man sagen, welchen volkswirtschaftlichen Mehrwert eine Spende an Off Road Kids auslöst?

Durchaus. Wir haben inzwischen mehr als 1.500 junge Menschen von der Straße geholt und bei mindestens 1.100 verhindert, dass sie jemals zu Sozialhilfeempfängern werden. Wenn man bedenkt, dass bei vorsichtigster Berechnung ein Sozialhilfeempfänger während seines Lebens knapp eine Million Euro an staatlichen Zuwendungen erhält, haben wir mit dem Einsatz von rund zwölf Millionen Euro an Spendengeldern einen volkswirtschaftlichen Return in Höhe von etwa einer Milliarde Euro erwirtschaftet. Das ist ein Spendenfaktor von 100. Jeder gespendete Euro spart der Volkswirtschaft also mindestens 100 Euro an Sozialausgaben. Das lohnt sich für die jungen Menschen und für die Gesellschaft insgesamt.

05.05.2010

Diese Seite versenden

Füllen Sie die Felder aus, fügen Sie eine persönliche Nachricht hinzu - und klicken Sie auf "Senden". Der Empfänger enthält per E-Mail eine Benachrichtigung mit dem Link zu der ausgewählten Information.

Code

URL: http://www.vodafone-stiftung.de/content/programme/off_road_kids/presse/interviews/index.html

Copyright © 2010 Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH

Stiftung | Programme | Social Entrepreneurship | Thinktank | Presse | Kontakt | Sitemap | Impressum
Copyright © 2010 Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH
The Vodafone Group Foundation

* *