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Frau Staatsministerin Böhmer, die Bundesregierung hat einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Integration und hierbei auf die Verbesserung der Bildungschancen für Zuwanderer gelegt. Warum?
15 Millionen Menschen in unserem Land kommen aus Zuwandererfamilien. In einigen deutschen Großstädten wird schon im Jahr 2010 jeder zweite unter 40 Jahren aus einer Zuwandererfamilie stammen. Diese Zahlen machen unübersehbar: Integration ist eine politische und gesellschaftliche Zukunftsfrage! Dies wird seit Juli2007 mit dem Nationalen Integrationsplan umgesetzt, der nach zwei Leitlinien entwickelt wurde: Fördern und Fordern. Wir reden mit den Zuwanderern, nicht über sie. Dazu gehört auch, dass die Zugewanderten ihre Selbstverpflichtungen umsetzen und somit einen aktiven Beitrag zur Integration leisten.Aktuelle Forschungsergebnisse belegen: Wer eine solide Bildung und eine gute Ausbildung erfahren hat, hat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Arbeit ist neben Bildung der wichtigste Motor für Integration. Wir machen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ein breites Bildungsangebot und zeigen damit, dass sie in unserem Land gebraucht und geschätzt werden. Dies wiederum ermutigt Migrantinnen und Migranten, sich auch selbst mehr zuzutrauen und sich in unserem Gemeinwesen zu engagieren. So profitieren alle von der Integration.
Welchen Beitrag kann der Staat, welchen die Zivilgesellschaft bei der Integration leisten?
Integration ist stets ein beidseitiger Prozess von Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern. Integration muss miteinander gelebt werden. Nur so kann Teilhabe entstehen, nur so kann Anerkennung und respektvoller Umgang gemeinsam erlernt und gelebt werden. Dabei müssen Bund, Länder, Kommunen und die Bürgergesellschaft an einem Strang ziehen. Ziel des Nationalen Integrationsplans, den Kanzlerin Angela Merkel am 12. Juli 2007 vorgestellt hat, ist der kontinuierliche Dialog zwischen staatlichen Institutionen einerseits und bürgerschaftlichem Engagement andererseits. Staat und Bürgergesellschaft kommen hierbei unterschiedliche, sich ergänzende Aufgaben zu: Der Staat muss die politischen und rechtlichen Leitlinien definieren. Er muss aber auch die notwendigen finanziellen Mittel für eine erfolgreiche Integrationspolitik bereitstellen. Das tut die Bundesregierung: Für die Integrationsförderung plant sie künftig jährlich rund 750 Millionen Euro ein. Als Staatsministerin werde ich noch in diesem Jahr ein bundesweites Netzwerk für Bildungspaten initiieren, die Migrantinnen und Migranten beim Spracherwerb, beim Übergang von der Schule in den Beruf und bei der Ausbildung unterstützen. Zu diesem Netzwerk gehören als wichtige Partner und Paten auch Stiftungen. Unsere Initiative „Charta der Vielfalt der Unternehmen in Deutschland“, der auch Vodafone Deutschland beigetreten ist, hat zum Ziel, Vielfalt als Chance und als positive Ressource der Gesellschaft in der Wirtschaft und im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Die Bürgergesellschaft hat aber noch viele andere Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen. Auch hier vertraut die Bundesregierung in besonderer Weise auf die zahlreichen Aktivitäten von Stiftungen.
Welche besonderen Leistungen können Stiftungen dabei erbringen?
Stiftungen können nicht nur Impulsgeber für Integrationsmaßnahmen sein. Sie können – häufig schneller und leichter als der Staat – Projekte aufgreifen und weiterverfolgen, sie auch ohne haushaltsrechtliche Vorgaben flexibel und zielgerecht fördern und sie später ggf. in staatliche oder privat-staatliche Kooperationenüberführen. Mit den Möglichkeiten solcher Kooperationen im Bereich Integration durch Bildung wird sich im Oktober 2007 auch der gemeinsame internationale Kongress befassen, den die Vodafone Stiftung mit mir als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung veranstaltet. Für all diese Möglichkeiten von Stiftungen steht dasVodafone Chancenprogramm für Begabte mit Zuwanderungshintergrund. Diese Innovation ist sehr begrüßenswert.Frau Böhmer, die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache.
Wie kann der Anteil junger Zuwanderer, die an einer Hochschule studieren, erhöht werden?
Es geht bei der Integration immer auch darum, vorhandene Potenziale optimal zu fördern. Dass der Anteil der Migrantinnen und Migranten an den Studierenden noch so gering ist, liegt daran, dass die Hochschulreife oft nicht erreicht wird. Ein frühzeitiges und umfassendes Angebot von Sprachkursen und zusätzlichen Weiterbildungsmöglichkeiten ist für die Steigerung der Zahl von Studierenden mit Zuwanderungshintergrund genauso wichtig wie die konstante Ermutigung Jugendlicher, dass Bildung sich immer lohnt. Hierzu gehört allerdings auch, dass von Kindesbeinen an gefordert und gefördert wird. Dies muss aber nicht nur in Kindergarten und Schulen erfolgen, sondern auch in Zusammenarbeit mit den Familien. Denn aus Erfahrung wissen wir: je besser die Eltern deutsch sprechen, umso schneller lernen die Kinder und umso mehr wird Integration von Anfang an erleichtert und beschleunigt.
Welche Rolle können Stiftungsstipendien im Integrationsprozess spielen?
Es kann nicht darum gehen, nur die Zahl der Studierenden langfristig zu erhöhen; wir brauchen insgesamt mehr Hochschulabgänger, die ihr Studium auch erfolgreich abschließen. Ein Studium sollte aber nicht an finanziellen Hürden scheitern. Stipendien helfen dabei, die Kosten der Lebensführung zu bewältigen. Überdies sind Stipendiengeber häufig eine wichtige zusätzliche Anlaufstelle für vielfältige Kontakte mit anderen Studierenden, Lehrenden und der jeweiligen Wissenschaftsrichtung, wirken also über diesen gegenseitigen Austausch zusätzlich integrationsfördernd.
Was ist für Sie als Staatsministerin für Integration an der Begabtenförderung besonders wichtig?
Die Förderung besonders begabter junger Menschen mit Zuwanderungshintergrundschafft positive Vorbilder, an denen sich Jüngere, Jungen wie Mädchen, orientieren können. Sie erkennen, dass man mit Leistung viel erreichen kann, auch wenn man aus einem bildungsfernen Elternhaus kommt. Jeder und jede sollte in seinen besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten unterstützt werden. Geförderte begabte Migrantinnen und Migranten sind ihr Leben lang wertvolle Multiplikatoren für die Botschaft: Unsere Gesellschaft braucht euch, wirtschaftlich wie gesellschaftspolitisch, deshalb fördert sie euch! Bringt euch und eure Ideen ein! Auf diese Weise werden Jugendliche aus Zuwandererfamilien auch ermutigt, demokratische Teilhabe in einer partnerschaftlichen Gesellschaft zu praktizieren. Dies ist eine der Grundvoraussetzungen für gelungene Integration.
MerkenBöhmer.pdf - Interview mit Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer (1812,32 kb)
MerkenVodafone Chancen Flyer.pdf - (215,64 kb)
MerkenÖzdemir.pdf - Zuwanderung als Chance - Vier Fragen an Cem Özdemir (947,98 kb)27.04.2010
URL: http://www.vodafone-stiftung.de/content/programme/vodafone_chancen/presse/interviews/subcontent/staat_und_stiftungen_muessen_bei_der_integration_hand_in_hand_arbeiten/index.1144.html
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