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Viele deutsche Freunde

Im Gespräch mit Cem Özdemir, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen

Herr Özdemir, Sie sind als Sohn Türkischer Einwanderer aus Anatolien aufgewachsen, ohne Bücherwand undBrockhaus im Regal. Heute sind Sie der deutsch-türkische Vorzeigemigrant schlechthin. Wie haben Sie das geschafft?

Na ja, Vorzeigemigrant ... Sagen wir, mein Weg war für die damaligen Verhältnisse in Schwaben eher ungewöhnlich. Es kamen mehrere Faktoren zusammen. Erstens haben mich einige Lehrer ziemlich motiviert und mein Selbstbewusstsein gestärkt. Darüber hinaus erkannten meine Eltern sehr früh, dass ich es aus eigener Kraft nicht schaffe. In der fünften Klasse, in der Hauptschule, besorgten sie mir eine Nachhilfelehrerin. Sie hat mirmein erstes Buch geschenkt. Schließlich schaffte ich es auf die Realschule. Nicht zu vergessen, ich hatte immer viele deutsche Freunde und habe viel Zeit mit ihnen verbracht. Heute frage ich mich öfters: Wo sind die Leute türkischer Herkunft geblieben, mit denen ich aufgewachsen bin? Einige waren mir haushoch überlegen. Aber sie hatten vielleicht nicht dasselbe Glück mit dem Elternhaus und der Schule, oder insgesamt eine widrige Umgebung – und so fehlte ihnen vielleicht an der ein oder anderen Weggabelung die Unterstützung, die ich hatte.
 

Viel Potenzial liegt also brach?

Absolut. Das ist humanitär eine Tragödie und für die Gesellschaft ein Debakel. Welches Kreativpotenzial entgeht uns da? Es ist unglaublich, dass sich unsere Gesellschaft diesen Luxus leistet.
 

41 Prozent der Deutschen mit Migrationshintergrund bleiben ohne beruflichen Bildungsabschluss, nur zehn Prozent machen Abitur, gerade mal drei Prozent schaffen es an die Universität. Wieso?

Weil sich nichts geändert hat. Ich kenne Hebammen, die schon im Kreißsaal Wetten abschließen, welches Neugeborene auf welcher Schule landet. Was in der Wiege beginnt, setzt sich in Kindergarten und Schule fort: sozialeUngleichheit. In keinem anderen OECD-Land bestimmt die Herkunft so sehr darüber, wie es anschließend weitergeht. Das ist ein unerträglicher Zustand, der niemandem eine ruhige Nacht lassen sollte.
 

Mit dem Projekt „Vodafone Chancen“ will die Vodafone Stiftung Deutschland Einwandererkindern den Hochschulzugang erleichtern. 37 Studenten an hervorragenden Privathochschulen werden gefördert. Sie sind Fürsprecher des Programms. Warum?

Ich finde das Projekt beispielhaft. Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund müssen auf dem Weg zum Abitur mehr Hürden überwinden als andere. Oft scheuen sie anschließend den Weg an die Universität oder an eine teuere Privathochschule. Hier setzt das Programm an. Auch wenn es zwei berechtigte Kritikpunkte gibt. Der eine lautet, es sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der zweite fragt: Was ist mit denen, die schon vor dem Abitur herausgekickt worden sind? Da sage ich: Stimmt, aber rechtfertigt das, diesen 37 diese Chance zu verweigern? Natürlich müssen wir fragen: Wo sind die anderen Einrichtungen und Organisationen, die sich der anderen Kinder annehmen? Überdies könnte man die Förderung auf staatliche Universitäten ausweiten.

 

Was kann das Projekt bewirken?

Das Vodafone Chancen-Programm hilft jungen Menschen, die sonst ungleich größere Schwierigkeiten hätten, ihren Weg zu gehen. Und glauben Sie mir, diese Kids werden der Gesellschaft eines Tages viel zurückgeben. Vielleicht werden sie Produkte erfinden, die uns helfen, aus der Wirtschaftskrise herauszukommen. Da ist jeder Cent gut angelegt. Natürlich müssen wir uns über eines im Klaren sein: Selbst das beste Engagement von Stiftungen ersetzt nicht die Bildungspolitik des Staates. Es kann höchstens ergänzen, aber niemals auffangen, was Staat und Gesellschaft nicht leisten. Hier macht die Stiftung eine tolle Arbeit.

 

„Diese Leute sind hochintelligent, leistungsbereit und wollen Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen.“

 

Bei den Jahrestreffen nehmen Sie an den Abendessen mit den Stipendiaten teil und lernen die Studenten persönlich kennen...

Ja, und das sind alles andere als Pflichttermine. Ich profitiere selbst viel davon, weil ich junge Leute kennenlerne, die mich jedes Mal vor Neid erblassen lassen. Diese Menschen haben keine Inselbegabungen, sondern sind zum Teil erstaunliche Allrounder. Sprachlich und naturwissenschaftlich hervorragend und obendrein in Sport klasse. Als ob das nicht reichen würde, kümmern sie sich in ihrer Freizeit um ihre Geschwister, sind aktiv in sozialen Einrichtungen oder engagieren sich für alte und behinderte Menschen. Es sind Leute, bei denen man denkt: Wenn sie unsere Zukunft repräsentieren, muss man sich um unser Land keine Sorgen machen.
 

Also keine leistungsfixierten Karrieristen?

Ganz im Gegenteil. Und das ist bemerkenswert in Zeiten, in denen wir über Master, Bachelor und verkürzte Schulzeit debattieren, in denen alle nur noch Stress haben und selbst Jugendliche Terminkalender führen. Diese Leute sind hochintelligent, leistungsbereit und wollen Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen, schon weil sie ihre eigene Herkunft nicht vergessen haben. Sie fragen: Wie kann ich das zurückgeben, was mir mitgegeben wurde? Wie kann ich mich um die kümmern, die auf der Strecke geblieben sind? Leider gibt es bisher wenige, die so weit kommen wie diese Studenten. Aber die, die es schaffen, sind richtig gut. Ich würde sie sofort einstellen.
 

Was muss geschehen, damit es mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund schaffen?

Erstens: Wir müssen die frühkindliche Bildung – nicht etwa Betreuung– ausbauen. Alle Kinder sollten ab drei Jahren in den Kindergarten gehen, denn dort geht die Schere auseinander.Zumindest für das letzte Kitajahr sollten wir ganz ideologiefrei über die Kitapflicht nachdenken. Entscheidend ist das Kindeswohl. Diese Zeit muss genutzt werden, um Defizite aufzuarbeiten– Sprache, Sozialverhalten und so weiter. Dafür brauchen wir gut qualifizierte und angemessen bezahlte Erzieher. Zweitens plädiere ich für Ganztagsschulen. Kein Kind darf die Schule verlassen,ohne seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Ob ich den Brockhaus zu Hause stehen habe oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Drittens muss die schulische Selektion der Kinder nach der vierten Klasse wegfallen. Wenn sich so früh entscheidet, wohin die Reise geht, haben nicht alle die gleichen Chancen.

 

Bei vielen Mittelschichtseltern werden sie auf wenig Begeisterung stoßen.Sie streben aus Sorge um die Bildung ihrer Kinder seit den PISA -Debatten erst recht aufs Gymnasium...

Die Sorgen der Mittelschichtsfamilien sind legitim. Aufgabe des Staates ist es, beide Interessen zusammenzubringen, indem er für eine gute Mischung der Schüler und für hervorragende Unterrichtsqualität sorgt. Deshalb müssen unsere Kinder nicht nur länger gemeinsam lernen, sondern auch individuell gefördert werden. Damit die Kinder einer alleinerziehenden Krankenschwester, eines türkischstämmigen Arbeiters und einer Oberärztin dieselbe Schule besuchen und vielleicht auch Freunde werden. Davon sind wir noch weit entfernt. De facto lebt im dreigliedrigen Schulsystem die alte ständische Gesellschaft Europas fort.
 

Welche Rolle spielt Bildung für die Integration?

Die entscheidende Rolle. Sie bestimmt darüber, welche Chancen meine Kinder später in der Gesellschaft haben werden. Wenn wir wollen, dass es endlich mehr Kinder mit Migrationshintergrund bis zum Abitur schaffen, ein Studium wagen und später in guten Berufen unsere Gesellschaft mitgestalten, müssen wir so früh wie möglich ihre Eltern mit ins Boot holen.Viele von ihnen sind in der Schule gescheitert und fühlen sich überfordert. Oft kommen sie vom Land, haben vielleicht nur fünf Jahre eine Schule besucht. Diesen Eltern müssen wir klarmachen, wie wichtig Bildung ist. Über Elterncafés, Medien, Konsulate oder Vereine. Alles kann der Staat nicht richten. Ich wünsche mir, dass türkische Väter eines Tages im Café nicht nur darüber sprechen, welche Fußballmannschaft Pokalsieger wird, sondern auch, auf welche Schule ihre Kinder gehen. Und dass sie, wenn einer sagt: „Ist mir egal, ob mein Sohn auf die Hauptschule geht oder aufs Gymnasium“, ihm empört ins Wort fallen: „Was bist du denn für einer?“

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22.04.2010

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