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Jakob Henning ist ein ruhiger und bodenständiger Zeitgenosse. Nur so meisterte er den mühevollen Weg aus Kasachstan an die European Business School in Oestrich-Winkel.
Als Jakob klein war, brachte ihm die Oma sein erstes Gebet bei. Auf Deutsch. „Ich bin klein, mein Herz ist rein.“ Russisch konnte die Großmutter kaum, auch die Eltern sprachen Deutsch miteinander. Wie alle Deutschen hier in Kasachstan. Die Sprache war das Band, das sie zusammenhielt. Es erinnerte sie an das Land der Ahnen, aus dem diese im 18. Jahrhundert ausgewandert waren an die Wolga, bis sie zwangsumgesiedelt und deportiert wurden in die kargen Weiten Kasachstans. Ihre Namen verrieten noch immer ihre Herkunft. Schlothauer, Friedrich, Irene oder eben Jakob. Nach dem Zerfall der Sowjetrepubliken flammte der Nationalismus über das Land. Russisch blieb Amtssprache, Kasachisch wurde Pflicht, Deutsch völlig an den Rand gedrängt. Mit ihren Kindern und der Großmutter machten sich die Eltern auf in die Heimat ihrer Vorfahren. Da war Jakob Henning sechseinhalb Jahre alt.
Der hochgewachsene junge Mann schlendert durch das Mittelschiff der Zionskirche. An den Wänden hängen meterhohe Schwarz-Weiß-Fotografien. DDR-Opposition, Widerstand im Dritten Reich unter dem evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer. Jakob Henning grinst. „Wir wohnen auch in einer Dietrich- Bonhoeffer-Straße.“ Jakob ist auf Stippvisite in der Hauptstadt. Weil ein Termin den 22-Jährigen ohnehin hierher führt, schaut er sich gerne ein wenig um. Jakob ist ein ruhiger, leiser Typ, ein wacher, angenehmer Erzähler, keiner, der ausschaut, als würde er nachts ständig durch die Clubs ziehen. Warum auch? Das ist nicht seine Welt. Glaube, Kirchengemeinschaft, Geschichte – das ist ihm wichtig. Seit Jahren engagiert er sich in der Gemeinde. „Kennen Sie das Bonhoeffer-Gedicht? ,Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag ...‘ – so fühle ich mich auch.”
Geborgen im Glauben, sicher in der Familie – das hat Jakob Henning in seinem Leben Rückhalt gegeben. Auch in den schweren Zeiten. Wie 1993, als er mit der Familie nach Deutschland kam. Am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus. Neun Monate in Auffanglagern, wie in Dranse, Mecklenburg-Vorpommern, zu zehnt in einem Zimmer mit anderen Aussiedlern. „Ungewohnt und bedrückend“, sagt Jakob. Ein paar Tage nach der Ankunft wurde er eingeschult. Seine Mitschüler lachten über die Aussprache und den ungewohnten Akzent des Jungen aus Kasachstan. Dort war er „der Deutsche“ gewesen. Hier ist er plötzlich „der Russe“. „Dabei habe ich mich immer als Deutscher gefühlt, als Deutscher mit besonderer Herkunft.“
Richtig heimisch fühlte sich Jakob lange nicht. Nach drei Jahren im mecklenburgischen Tutow, dem Ort mit der höchsten Arbeitslosenquote bundesweit, zieht die Familie zu Verwandten nach Nordrhein-Westfalen. Der Vater, in Kasachstan Direktor eines Warenlagers, findet hier nach einer Umschulung Arbeit. Auch die Mutter, eine „Ökonomistin“. Immer hat Jakob die Umzüge als Chance für einen Neuanfang gesehen.
Endlich, in der Oberstufe, beginnt sich der kluge, angenehm unaufgeregte Schüler wohlzufühlen. „Ich fand Freunde, der Unterricht machte Spaß, ich wollte nicht mehr weg.“ Aber was tun mit dem Einser-Abitur? „Ich hätte mir vieles vorstellen können.“ Sein Rektor und Lehrer rät ihm: „Versuch es mit Betriebswirtschaft.“
Jakob Henning erinnert sich noch genau an die Zugfahrt an jenem heißen Apriltag 2006. Deutschland hatte in der Fußball-WM gerade das Viertelfinale gegen Argentinien gewonnen. Die Menschen lagen sich in den Armen, singend, tanzend. Es roch nach Bier und Schweiß. Fast als wollten sie ihn feiern, ihn, der gerade mit einem Hochgefühl in den ICE gestiegen war. Glücklich wie ein Kind, dass die Vorstellungsgespräche bei der renommierten European Business School (EBS) so phantastisch gelaufen waren. Was wäre es für ein Glück, dort studieren zu können. Aber wie sollte er sich das leisten? Irgendwann fiel sein Blick auf die Chancen-Broschüre der Vodafone Stiftung Deutschland, die er als Schmierzettel mit in die Diskussionsrunden genommen hatte. „Ich sah, dass es gar keine Handywerbung war, sondern eine Stipendien-Ausschreibung für Migrantenkinder. Da wusste ich, dass Gott mich liebt.“
Vor ein paar Wochen lag der Brief der EBS im Briefkasten. „Angenommen zum Master-Programm.“ Jakob strahlt. „Jetzt kann ich nach dem Bachelor noch weitermachen.“ Er genießt das Studium, mag seine klaren Strukturen, das stramme Programm, die kleinen Gruppen, den persönlichen Kontakt zu den Professoren. Durch das Stipendium kann er sich auf das Studium konzentrieren. Wie auch hätte er es sonst finanzieren sollen? Die ideelle Förderung eröffnet ihm neue Perspektiven, Europaseminare, Rhetorik, Praktika.
Bis zum Semesterstart im Herbst schaut Jakob vom anderen Rheinufer auf seine Business School. In der dritten Etage eines Glasbaus feilt er an Präsentationen, Exceltabellen, übernimmt Recherchen. Drei Monate dauert sein Praktikum beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Das Team ist jung, das Klima gut, die Arbeit in der Finanzabteilung gefällt ihm. Und, wer weiß, vielleicht wird er mit dem EBS-Master in der Tasche selbst bald in ein Unternehmen wie dieses einsteigen. „Ein Großunternehmen würde mich reizen“, sagt Jakob. „Hier bekommt man vielfältige Möglichkeiten und wird hervorragend gefördert.“
22.04.2010
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