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Nawid Ali-Abbassi hat ehrgeizige Lebensziele. Der Berliner mit iranischen Wurzeln will die Welt besser machen. Durch persönliches Engagement an den Schalthebeln der Wirtschaft.
Nawid Ali-Abbassi ist einer, dem man sofort seine Handtasche anvertrauen würde. Weiche Züge, zuvorkommendes Lächeln, höflich bis in die Spitzen. Ein modischer junger Mann, die Haare leicht gegelt, lässiges Hemd, Jeans. Kein Wunder, dass er bei Procter & Gamble überzeugte. Seit ein paar Wochen arbeitet Nawid in der Schweizer Niederlassung des Konzerns, im Marketing. Es ist sein erster Job. Nawid konnte nicht nur mit seinem Auftreten punkten, sondern auch mit einer erstklassigen Ausbildung: einem Bachelor an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel, noch dazu mit einem Begabtenstipendium.
Ein Samstag im Juni. In dem kleinen Café am Kurfürstendamm ist nicht viel los. Nawid nimmt einen kleinen Schluck Tee und kneift leicht die Augen zusammen. Die Abendsonne blendet. Leise rauscht der Verkehr vorbei. Lange hat Nawid dahin wollen: nach ganz oben, in die Welt der Konzerne, der Macht und des Geldes. „Mit 50 will ich zu den zehn reichsten Leuten des Landes zählen“, schrieb er noch augenzwinkernd ins Abiturbuch. Heute ist ihm längst anderes wichtig: Verantwortung übernehmen. Das Soziale in den Mittelpunkt rücken. Die Welt ein kleines bisschen besser machen. Und das hat mit seiner wechselvollen Geschichte, seiner Herkunft und seinem Glauben zu tun.
30 Jahre ist es jetzt her, dass sein Vater zum Architekturstudium aus dem Iran nach Berlin kam. Im Heimaturlaub lernte er seine Mutter kennen, eine Lehrerin, die ihn bald heiratete und nach Deutschland folgte. Es war in jenen stürmischen Wochen, in denen Chomeini im Iran das Ruder an sich riss. Die Eltern entschieden: Wir gehen nicht zurück. Nawid grinst. „Ich bin glücklich darüber. Hier hatte ich ein Stipendium, im Iran hätte ich nicht mal studieren dürfen.“
Eine Rückkehr in den Iran war für die Eltern schon wegen ihres Glaubens undenkbar: Sie sind Bahai eine Glaubensgemeinschaft, die im Iran bis heute verfolgt wird. Der Bahai Glaube ist ein moderner, sozial und humanitär orientierter, monotheistischer Glaube, der von der Einheit der Religionen und der Einheit der Menschheit überzeugt ist. Seine Wurzeln gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück, auf den aus Persien stammenden Bahá’u’lláh. Dieser Glaube hat Nawid geprägt, die mit ihm verbundene Bildungsorientierung, seine Weltoffenheit, die individuelle Suche nach Wahrheit und Barmherzigkeit. Nawid: „Bahai betrachten den Menschen als Bergwerk, reich an Edelsteinen, die man zu Tage fördern muss.“ Von klein auf besucht er die Kinderklasse der Bahai, eine Art Ethikunterricht für den Nachwuchs, engagiert sich in den Gemeinden, die auch hierzulande wie Pilze aus dem Boden wachsen.
Das hat ihn stark gemacht, sagt er, auch weil er über die Bahai viele deutsche Freunde fand. Ohnehin achteten seine Eltern von Anfang an darauf, dass er aufwächst wie die einheimischen Kinder auch. Kinderturnen, Kita, Schulhort, Montessoriunterricht. In der Oberschule blieb die Faszination der coolen harten Jungs, die dieses Spiel von Provokation und Stärke spielten, wie so viele im Berliner Stadtteil Moabit, mit seinem Ausländeranteil von knapp 30 Prozent, nur eine Episode in seinem Leben. „Aber es hat mich nachdenklich gemacht, dass da viele wirklich kluge Leute dabei waren, die später nichts aus sich gemacht haben.“ Nawid wusste: Das will ich nicht. Ich will ganz nach oben. Dann machte er ein freiwilliges soziales Jahr als Zivilersatzdienst. Im Peoples Theater. „Es war das größte Glück, das ich je hatte.“
Es ist ein Sprung in eine andere Welt, eine neue Perspektive. Die Aufgabe: Gewaltprävention an Schulen im Brennpunktgebiet Offenbach. Die Welt ist ihm nicht unvertraut, der Blick auf sie schon. Mit 15 anderen Jugendlichen lebt er in einer kleinen Wohngemeinschaft, jeden Tag müssen sie aufs Neue die Regeln für das Zusammenleben aushandeln, müssen sich einigen, abgrenzen, gemeinsam einen Weg finden. Tagsüber gehen sie in die Klassen und inszenieren mit den Kids kritische Theaterstücke zu Themen, die sie selbst einmal umgetrieben haben. Cool sein oder Freunde im Stich lassen. Lästern oder Zivilcourage. Sie helfen den Schülern, sich damit auseinanderzusetzen, in die Rolle des Gegenübers zu schlüpfen, Lösungen zu finden. Wie fühlt sich der andere, wenn ich ihn niedermache? Wie kommt er da raus, wenn er als uncool verschrien ist? Eine unglaublich intensive Zeit und ein Prozess, der zunehmend beginnt, Nawid selbst gehörig umzukrempeln. „Ich habe noch nie so viel über mein Leben und meine Werte nachgedacht, alles in Frage gestellt“, sagt der 23-Jährige. „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden.“ Ein Mensch, der nach neuen Blickwinkeln dürstet und neugierig fragt: Welches Paradigma steht dahinter, was kann ich daraus lernen, statt vorschnell zu urteilen? „Viel Geld, ein dickes Auto, Ansehen, das war plötzlich nicht mehr so wichtig für mich.“
In dem kleinen Zimmer zum Hinterhof liegt eine Stille in der Luft, die sich weich wie Watte anfühlt. 16 Menschen haben es sich auf Sofas, Stühlen und auf dem Boden bequem gemacht. Leise beginnen zwei Frauen zu singen. Dann beginnt der Vortrag. Es geht um die Gründe für die Finanzkrise und Moral in der Wirtschaft, um Motoren der Ökonomie, die Verführung des Geldes, gierige Manager und die Frage: Wie verhalte ich mich eigentlich selbst in diesem System, egal ob als Konsument bei Kaisers, Aldi oder Joop? Fragen wie diese treiben die Bahai und ihre Freunde um, die hier versammelt sind, deshalb kommen sie zusammen, um ihre Position zu finden, jeder für sich. Nawid ist so oft es geht dabei, mal hier in Berlin, mal in Wiesbaden, wo er bis zum Sommer studiert hat. Er hat seinen Weg gefunden und weiß, wie es hilft, weiter zu hinterfragen, im kritischen Gespräch zu bleiben. Gerade als Absolvent der Managerschmiede EBS.
Oft wird er gefragt: Wie verträgt sich das – soziales und nachhaltiges, ethisches Handeln ganz oben auf die Agenda setzen und in der knallharten Wirtschaftselite mitmischen? Die Antwort: „Ich will gerade deshalb an die Schaltstellen der Wirtschaft, denn das ist der Ort, an dem Veränderung beginnt.“ Wo könnte er dafür ein besseres Handwerkszeug bekommen als an der EBS?
14.07.2011
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