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Portrait Nikolina Milunovic

Die Welt so richtig verändern

Nikolina Milunovic will intensiv leben und arbeiten. Die Kroatin hat an der Zeppelin University in Friedrichshafen das ideale Umfeld für sich gefunden.

Gerade ist Nikolina Milunovic mittendrin in dieser Welt, die einmal ihre Zukunft sein könnte: der Politik. Aufmerksam steht sie in der letzten Reihe des Vortagssaals. Die Stuhlreihen im ersten Stock der Viadrina School of Governance sind dicht besetzt. Heute Abend entwerfen die US-Experten John Hulsmann und Wess Mitchell ihre Vision einer neuen Außenpolitik. Die erstaunlichen Thesen des Duos, das seine Ideen für das Überleben der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert aus einem Mafia-Movie von Francis Ford Coppola ableitet, entfachen kontroverse Diskussionen im Saal. Nikolina arrangiert noch rasch Haribo und Cracker für den Empfang danach und schlüpft in ihr Büro zwei Stockwerke weiter oben. „Spannend so was, nicht?“

Der Blick aus den Räumen der Atlantic Community geht hinaus auf die Berliner Wilhelmstraße. Behörden, Medien, Institutionen haben sich hier seit der Wende angesiedelt. Durch das Stop and Go des Großstadtverkehrs hasten Menschen in Anzug und Krawatte, die Aktentasche unterm Arm, das Handy am Ohr. Einen Block weiter tagt das politische Berlin in Parlament und Kanzleramt. Seit ein paar Wochen macht Nikolina Milunovic ein Praktikum bei der Atlantic Community, einem Internet-Think-Tank für Außenpolitik. Sie durchstöbert Pressepublikationen aus aller Welt, fasst die wichtigsten Nachrichten online zusammen, redigiert Beiträge von Gastautoren oder packt bei der Organisation von Veranstaltungen mit an. „Hier bekommt man ein differenziertes Bild vom großen Ganzen“, sagt Nikolina, „und einen tollen Einblick in die Praxis der Politik.“ Jetzt aber ab in den Feierabend, auf ein Selters am Bundespressestrand.

Vielleicht hat Nikolina Milunovics Begeisterung für Politik auch etwas mit ihrer Herkunft zu tun. Oder besser: der Herkunft ihrer Eltern, die schon seit Jahren getrennt sind – Kroatien. Wenn sie in den Ferien für ein, zwei Monate zu den Verwandten südlich von Split fährt, taucht sie ein in eine Welt, die erfahren hat, wie es sein kann, wenn die Politik nicht mehr weiterweiß.
Zwar tobt der Krieg vor allem durch den Nordosten des Landes, doch überall ist er spürbar. Die Väter von Cousins sind an der Front, Geschichten über Milošević oft Gesprächsstoff und irgendwann ändern sich bei den Besuchen die Busrouten, weil Kampfgebiete umfahren werden müssen. „Das hat mich sehr für politische Konflikte sensibilisiert“, sagt Nikolina. „Wie schnell rutscht man in schwarz-weiße Bilder.“ Schnelle Urteile, Stigmatisierung, entgleisende Konflikte – muss das so sein?
Immer wieder hat sich Nikolina das gefragt. Auch später, als sie mit 15 für ein Jahr in die USA geht. Die Spannungen in diesem Ghetto von Schwarzen und Hispanics im Nordosten Philadelphias, die brennenden Autos, die Drogendealer auf den Straßen haben sich in ihr Gedächtnis eingegraben. Nikolina wird Mitglied bei der Umweltorganisation „Down 2 Earth“, engagiert sich bei einer Obdachloseninitiative.

Dann lässt der Wahlsieg George Bushs alle Hoffnungen der schwarzen Freunde zerplatzen. Über diese Umwege entdeckt Nikolina ihr Interesse an Afrika, fragt sich: Warum müssen die Menschen dort so leben? In der zwölften Klasse arbeitet sie für UNICEF, unterstützt Entwicklungsarbeit in Sambia.
Nikolina Milunovic birst vor Energie, auch wenn das ihre feine, leise Art auf den ersten Blick vielleicht nicht vermuten lässt. Schon als Kind schickte ihre Mutter sie zum Tanzen, zweimal die Woche. Hier konnte sie Energie ablassen, sich weiterentwickeln und kam in ein deutsches Umfeld.
 

„Das ist wichtig für die Integration“, sagte die Mutter, die mit 19 nach Berlin gekommen war und Jahre später ihre Tochter zur Welt gebracht hatte. Die Liebe zum Tanz hat Nikolina nie mehr verlassen, Ballett, Jazzdance, afrikanischer Tanz, Hip-Hop. Auch in puncto Integration ging das Konzept der Mutter auf. „60 % deutsch, 40 % kroatisch – so fühle ich mich heute“, sagt die 20-Jährige. Ihre Wurzeln liegen im Süden, in diesem Land der Lebensfreude, der Lässigkeit, des guten Essens und dieser ungewöhnlichen Literatur, die sie gerade zu entdecken begonnen hat. Ihr Alltag und ihre „intellektuelle Heimat“ sind in Deutschland. Hier findet sie einen Rahmen auch für die andere Energie, die in ihr steckt: ihre Lernlust, Begeisterungsfähigkeit, ihre Klugheit. Nach der Grundschule schickt ihre Mutter sie in die Schnellläuferklasse des Nordberliner Humboldt- Gymnasiums. „Das war eine Befreiung: Alle haben gerne und viel gelernt, ein Instrument gespielt und viel Sport gemacht.“ Als sie nach dem Abitur die passende Uni für ihr Politikstudium sucht, stößt Nikolina im Internet auf eine, die ihr ebenso zu entsprechen scheint, wie es bisher die Schule tat: die Zeppelin University am Bodensee. Schräg, innovativ, leistungsorientiert. Begeistert klickt sie sich durch Bilder von Professoren, die beim Lesen Trampolin springen oder um den See schreiten, freut sich an den ungewöhnlichen Fragen bei der Bewerbung. „Welchen Unterschied machen Sie für die Welt aus?“ „Glauben Sie, dass es heute ähnlich bedeutende Irrtümer gibt wie ‚die Erde ist eine Scheibe‘?“ Nikolina: „Und die Studenten hatten lauter schräge Lebensläufe.“

Nikolina strahlt und nippt an ihrem Selters. Zwei Semester sind um und immer noch kann sie ihre Begeisterung kaum zügeln. Viel hat sie gelernt, tolle Freunde gefunden. Unterstützer sowieso. Wie Schuldirektor Hinrich Lühmann, den Humanisten, oder Unigründer Stephan Jansen, der Systemtheoretiker Helmut Willke und Vodafone Stiftungsgeschäftsführer Mark Speich, ihr Mentor, der ihr auch das Praktikum bei der Atlantic Community vermittelt hat. „Das sind Menschen, die etwas verändern wollen“, sagt Nikolina. Und das möchte sie eines Tages auch einmal, ob in der Entwicklungshilfe oder in der Politik –sicher mit ganzer Energie.

14.07.2011

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