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Suna Turhan hat zwei kulturelle Identitäten, deutsch und türkisch. Diversity macht ihr jedoch keine Angst, sondern spornt sie an, mehr über sich zu lernen.
Suna Turhan dreht den Schlüssel herum, stößt die Altbautür auf und lacht. „Willkommen im Ghetto.“ Behände eilt die 21-Jährige ihren Besuchern voran die Stufen hinauf. Einige der alten Wandfliesen im Treppenhaus sind abgeschlagen. „Blöd, nicht?“, sagt Suna. „Die verkaufen die Diebe auf dem Flohmarkt.“ Im ersten Stock duftet es nach türkischem Reis mit Lamm, nach Trockenobst und Ingwertee mit Minze. Die Sonne flimmert durch das hellgrüne Blätterdach der gewaltigen Linde vor dem Haus. Im Wohnzimmer mischen sich Ölschinken und Familienfotos mit gerahmten Plakaten von August Macke und Paul Gauguin. Herr Turhan bittet lächelnd in die schwere Sitzecke, Frau Turhan schenkt einen Tee ein. „Suna war immer sehr fleißig und begabt. Wir sind so stolz auf sie.“ Suna knufft ihre Mutter in die Seite. „Ach anne*.“
Berlin-Reinickendorf, weit oben im Norden der Stadt. Als der Vater vor 36 Jahren aus Ostanatolien nach Deutschland kam, stimmte die Mischung im Kiez noch. Alt-Berliner, Handwerker, Kaufleute, Arbeiter, Einwandererfamilien. Kein Ghetto wie Kreuzberg oder der harte Wedding. Doch irgendwann wurde der Ton rauer. Armut, Elend, immer mehr Migrantenfamilien, in denen Arbeitslosigkeit die Regel und fließendes Deutsch die Ausnahme ist. Der Vater schüttelt den Kopf, das kann er nicht verstehen. „Wir haben mit den Kindern immer Deutsch gesprochen. Die Sprache ist doch entscheidend, damit sie vorankommen.“ Gemeinsam besuchten sie die Elternabende in der Schule. „Unsere Kinder sollten eine gute Bildung haben“, sagt die Mutter. Dass es Suna bis an die Universität geschafft hat, an eine hervorragende Privathochschule zumal, macht sie ungeheuer glücklich.
Suna springt auf ihr Bett und legt die Beine im Schneidersitz zusammen. Lässig fallen ihre braunen Locken über die Schultern, der petrolblaue H&M Cardigan lässt ihr vergnügtes Lachen doppelt strahlen. „Tut mir leid, ich bin halt nicht der typische Kopftuchfall.“ Türkisch oder deutsch? In solchen Kategorien hat sie nie gedacht. Sie wuchs hier auf wie andere auch, als Berlinerin, Deutsche, deren Eltern aus der Türkei kamen. Die mit deutschen Freunden auf der Straße kickte, sang und tanzte, Zirkus und Theater spielte. Nach der Schule schnell die Hausaufgaben, dann raus auf den Spielplatz im Hinterhof.
Suna reißt die Arme in die Luft. „Boa, das war meine Welt, mein Reich.“ Eine, die in der Schule von klein auf super Noten hatte, kann sich das locker leisten. Später gibt sie Nachhilfe für jene, die es nicht so leicht haben. Wie jene türkische Freundin mit sieben Geschwistern, die in der kleinen Wohnung kaum eine ruhige Minute zum Lernen findet.
Dass es bei ihr anders war, hat Suna immer von Herzen zu schätzen gewusst. Da sind die Eltern, die ihr alle Freiheiten lassen, mit den Kindern auf Reisen gehen, ihnen Rückhalt geben. Mit ihrer Schwester teilt sie ein kleines, liebevoll eingerichtetes Zimmer. Kiefernmöbel, Computer, Urlaubsfotos. Ein Ort, um zu lernen, Musik zu hören, sich zurückzuziehen und sei es nur auf ein paar Quadratmetern. Da ist die große Schwester, ihr Vorbild. Sie macht vor ihr Abitur und geht als Hotelfachfrau nach Amerika. Und da ist Ingrid Göbel, die deutsche Nachbarin und Freundin der Familie, die mit den Kindern von klein auf deutsch spricht, bei den Hausaufgaben hilft, mit ihnen spazieren geht und Weihnachten und Ostern feiert, 19 Jahre lang. „Sie ist meine deutsche Mama“, sagt Suna.
Die Heimat ihrer Eltern kennt Suna Turhan nur aus den Ferien. Bunte Urlaubsfotos hängen über ihrem Schreibtisch. „Total cool“ fand sie ihren ersten Besuch in Izmir und dem 300-Einwohner-Dorf Mus Varto weit im Osten des Landes. Einerseits ein „Kulturclash“ mit Plumpsklo, Kühen, Wasser holen vom Brunnen, Schafe schlachten, andererseits diese voraussetzungslose Wärme der Familie. „Obwohl sie dich noch nie gesehen haben, bist du als Verwandter einfach ihr Ein und Alles. Auch wenn du kein Zazaisch sprichst.**
“Wie sehr diese Wurzeln Teil ihrer Identität sind, wird Suna erst im Laufe der Zeit klar. Als ihre beste Freundin erfährt, dass Suna Alevitin ist, zieht sich die Sunnitin geschockt von ihr zurück. Völlig unverständlich für die weltoffene Suna, für die Religion immer Privatsache war. „Letztlich stand ich immer irgendwo zwischen den Kulturen.“ Für die Türken im Kiez ist das quirlige Mädchen eine Deutsche, die zu schlecht türkisch spricht und zu gut in der Schule ist, um eine von ihnen zu sein. Die Deutschen sagen in der zehnten Klasse, als sie Kandidaten für ein Begabtenstipendium für Schüler mit Migrationshintergrund suchten: „Nehmen wir doch Suna.“ „Da hab ich mich schon komisch gefühlt.“ Bis heute treibt sie das Leben zwischen den Kulturen um. Deshalb sagt sie offensiv: „Meine Eltern wurden zwangsverheiratet. Es ist mir wichtig, damit offen umzugehen.“ Deshalb setzt sie sich aktiv mit dem Verständnis zwischen Okzident und Orient auseinander. In den Semesterferien besucht sie ein Seminar über das Bild des Islam in den westlichen Medien. Gerne würde Suna Turhan Journalistin werden, Fernsehmoderatorin vielleicht oder Dokumentarfilmerin. Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaften, wollte unbedingt raus aus Berlin, um ihren Horizont zu erweitern. Ohne das Stipendium der Vodafone Stiftung Deutschland wäre es am Geld gescheitert. „Die Jacobs- Universität hätte ich mir ebenso wenig leisten können wie ein Studium außerhalb Berlins“, sagt Suna. „Gerade diese Uni hat mich so begeistert, weil dort die ganze Welt versammelt ist.“
Suna schlüpft in ihre Ballerinas und wirft die Jacke über. Bald geht es zurück nach Bremen. Jetzt will sie noch mal durch ihre Stadt ziehen. Um 21 Uhr trifft sie die Mit-Stipendiaten auf eine Currywurst am Ostbahnhof. „Bis morgen“, ruft Suna, wirft ihren Eltern einen Kussmund zu und eilt singend die Treppen hinunter, hinaus ins nächtliche Berlin.
* türkisch für Mama
** Regionalsprache in Ostanatolien.
14.07.2011
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