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Interview zur Vorstellung der gemeinsamen Kurzstudie des Bundesverbands Deutscher Stiftungen und der Vodafone Stiftung Deutschland

Denken fördern: Wie Stiftungen Thinktanks als Wirkungshebel nutzen können.

7 Fragen zu Stiftungen und Thinktanks:
Interview mit Prof. Dr. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, und Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland


1. In Ihrer Studie haben Sie Bedeutung und Funktion von Thinktanks in Deutschland und deren Anbindung an Stiftungen untersucht. Wie lauten die Kernergebnisse?

Speich: Eines der zentralen Ergebnisse lautet, dass gemeinnützige Stiftungen das Potential, das sich mit der Förderung privater gemeinnütziger Thinktanks verbindet, noch nicht ausreichend ausschöpfen. Der Blick in die Vereinigten Staaten und nach Großbritannien aber auch die Entwicklungen hierzulande zeigen, dass die private Finanzierung von gemeinnützigen Thinktanks eine Vielzahl von Möglichkeiten für Stiftungen eröffnet, zur Entwicklung des Gemeinwesens beizutragen. Künftig wird es darum gehen, gesellschaftliche Probleme unter den Bedingungen sinkender öffentlicher Mittel zu realisieren. Stiftungsprojekte, die nur deshalb funktionieren, weil sie viel Geld auf wenige Personen konzentrieren helfen hier nicht weiter. Hier hilft nur das Nachdenken über die Verbesserung der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für öffentliches Handeln – und dieses Nachdenken können Stiftungen gezielt fördern.

2. In der deutschen politischen Landschaft haben Thinktanks bisher nur einen geringen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung. Womit ist dies zu begründen?

Fleisch: Es gibt einfach noch zu wenig advokatorische Thinktanks, und die kleineren Thinktanks haben große Schwierigkeiten, an Fördermittel zu kommen. Die bestehenden größeren Denkfabriken haben aber durchaus Einfluss; zum Teil wird ja sogar beklagt, deren Einfluss sei zu groß. Auch die im internationalen Vergleich wohl einzigartigen parteinahen Stiftungen sind partiell Thinktanks und nehmen über Studien und Publikationen in nicht geringem Maße Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung. Allerdings ist in der deutschen politischen Landschaft der private gemeinnützige
Thinktank angloamerikanischen Zuschnitts noch die Ausnahme.
Die meisten Einrichtungen, die hierzulande als Thinktanks im weiteren Sinne bezeichnet werden können, sind als relativ staatsnah einzustufen. Thinktanks, die von ihrem Selbstverständnis her unabhängig, staatsfern und parteipolitisch neutral sind, sind in Deutschland eher rar gesät.
In Deutschland überwiegen die akademischen Institute, die sich mit ihren „Produkten“ primär an andere Wissenschaftler und einen kleinen Kreis von Experten richten. Es fehlt zumeist an der Übersetzungsleistung der Ergebnisse für andere Zielgruppen. Thinktanks, die ihre Ideen und Konzepte auch mediengerecht aufbereiten, gelingt es aber eher in der öffentlichen Debatte wahrgenommen zu werden und so Wirksamkeit zu entfalten. Diese Brückenfunktion zwischen Wissenschaft und Bürger können Stiftungen ausüben oder zumindest fördern, und sie sollten diese Chance noch stärker beachten.

3. Warum fokussieren Thinktanks hierzulande ihren Dialog bisher an den Bürgern vorbei auf politische und wissenschaftliche Eliten?

Speich:
Ich glaube nicht, dass dies mit fehlendem Zutrauen in die Bürger zu tun hat, sondern mit einer Tradition, in der die pointierte, somit aber politisch nutzbare Zuspitzung eines Sachverhalts unter dem Verdacht nicht ausreichender Seriösität stand. Ich bin auch gar nicht der Auffassung, dass Thinktanks unwissenschaftlich arbeiten sollten. Aber sie sollten, so wie dies in den USA und Großbritannien gelingt, wissenschaftliche Erkenntnisse in einer Form verbreiten, die politisch anschlussfähig ist. Die deutsche Wissenschaftslandschaft tut sich damit - von den prominenten Fernsehprofessoren abgesehen – noch schwer. Stiftungen wäre aber in der Lage, Anreize für solche Übersetzungsleistungen zu schaffen.

Fleisch: Nicht wenige akademische Institute und Einrichtungen haben noch allzu häufig den Elfenbeinturm der Wissenschaften von innen zugesperrt. Aber das Bewusstsein für die Außenwelt wächst doch deutlich. Davon zeugt auch die Vielzahl der Stiftungsprogramme und -preise, die die leichter verdauliche Darstellung von Forschungsergebnissen fördern. Der Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft sei exemplarisch genannt.
Auch Stiftungen suchen zunehmend den Dialog mit den Bürgern. Und in den „Grundsätzen Guter Stiftungspraxis“ haben die Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen formuliert, dass die Bereitstellung von verständlichen Informationen ein Ausdruck der originären Verantwortung jeder gemeinnützigen Organisation gegenüber der Gesellschaft ist. Darüber hinaus gewinnen neue Dialogformate an Bedeutung. Ein Beispiel ist die Berliner Stiftungswoche, die eine größere Gruppe von Stiftungen durchführt und die bei den Bürgern in Berlin auf sehr gute Resonanz stößt. Im Jahr 2011 lag der Fokus dieser Aktion auf der Frage, wie Stiftungen Bürgerbeteiligung unterstützen und Dialogprozesse in Gang bringen können.

4. Mangelt es den Thinktanks – neben finanzieller Ausstattung und Unabhängigkeit – in Deutschland nicht vor allem am Mut zu eigener Meinung und Konfrontation?

Fleisch:
Eine der Empfehlungen der Thinktank-Studie von Bundesverband und Vodafone- Stiftung lautet: Ein klarer und gut zugespitzter Standpunkt hilft, sich deutlicher zu positionieren und wahrgenommen zu werden. Aber um diesen Standpunkt knackig auf den Punkt zu bringen, braucht es kreative, thematisch breit aufgestellte und kommunikativ intelligente Köpfe. Das deutsche Wissenschaftsverständnis fördert aber, von Ausnahmen abgesehen, eher Leute, die in engen Nischen mit Spezialistentum andere Spezialisten ihres Feldes schriftlich in Fachsprache beeindrucken. Dagegen finden Leute mit vor allem solchen Fähigkeiten, wie sie für Thinktanks notwendig sind, kaum die notwendige Förderung; das ist der zentrale Engpass.
Darum decken wir hierzulande mit unseren bestehenden Thinktanks bei weitem nicht in erforderlichem Maße die Vielfalt der dringlich zu beackernden Themen ab. Denken Sie nur an die Themen wie Klimaanpassung oder Bewältigung der absehbaren „Explosion“ der Demenzzahlen.

5. Stiftungen könnten, da mehrheitlich unabhängig, diese Rolle ausfüllen und damit in der Öffentlichkeit stärker als Motoren des Wandels wahrgenommen werden.

Fleisch: Das ist richtig. Damit Stiftungen insofern Chancen und Risiken besser wahrnehmen, haben wir mit der Vodafone-Stiftung diese Thinktank-Studie gemacht. Denn die Kernfunktion von Stiftungen, staatliches Handeln zu ergänzen und zur Vielfalt von Lösungsansätzen beizutragen, legt nahe, die Finanzierung von praxisrelevanten Konzepten nicht allein dem Staat und der Wirtschaft zu überlassen. Stiftungen bedienen sich ohnehin schon einzelner Thinktank-Instrumente. Hier sind zum Beispiel Expertenkommissionen wie die Familienkommission der Robert Bosch Stiftung oder Studien wie der von der VolkswagenStiftung finanzierte Bericht „Grenzen des Wachstums“ zu nennen.
Eine strategische Nutzung von unabhängigen Thinktanks mit langem Atem fehlt jedoch noch in Deutschland weitgehend; der Bundesverbandes Deutscher Stiftungen könnte hier mittelfristig noch mehr eine Rolle als Katalysator übernehmen.

6. Das jedoch erforderte eine Abkehr von der ausufernden „Projektitis“ und die stärkere institutionelle Förderung auch von Thinktanks. Sind die Akteure dazu bereit?

Fleisch: Es ist schon festzustellen, dass in den Stiftungen selbst ein Umdenken stattfindet. Große Förderstiftungen überdenken ihre Förderpraxis und -fristen und geben längerfristige Förderzusagen. Ohne nachhaltiges Finanzierungskonzept, Ideen für die Anschlussfinanzierung und geplante Evaluationsmaßnahmen kommen immer weniger Projekte und Initiativen in den Genuss von Stiftungsförderung. Das ist eine längst überfällige Entwicklung, die aber noch am Anfang steht.

7. Insbesondere die Befragung der Stiftungsakteure, ihre Einschätzung zu Legitimation und Aufgaben von Thinktanks ergab allerdings ein sehr widersprüchliches Bild.

Speich: Deutsche Stiftungen sind Thinktanks und der Förderung von Thinktanks gegenüber positiv eingestellt und schätzen das Engagement von Stiftungen auf dem Gebiet der Politikberatung und die Tätigkeit von Thinktanks als sehr wichtig ein. Sie werden von einer Mehrheit der befragten Stiftungsakteure als ein wichtiges ergänzendes Instrument der Stiftungsarbeit beurteilt und von einer deutlichen Mehrheit der Stiftungs-Experten als Katalysatoren für gesellschaftspolitische Entwicklungen wahrgenommen, mit deren Hilfe sich die Ziele der Stiftungen besser erreichen lassen.
Das interessante Bild, das sich bei dieser Befragung ergab ist, dass die Befragten die langfristige Förderung und die Unterstützung des Organisationsaufbaus als wirksamer einstufen als die eine rein projektgebundene Förderung. Diese Aussage ist deshalb überraschend, da in der Arbeitspraxis der Stiftungen die Projektförderung die am weitesten verbreitete Stiftungsaktivität ist.
Es scheint, dass sich hier die theoretische Erkenntnis noch in der alltäglichen Praxis der Stiftungsarbeit und ihrer Förderkriterien etablieren und beweisen muss. 

08.02.2012

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