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Schüler wissen nicht, was sie werden sollen

25. November 2014

Schüler wissen nicht, was sie werden sollen

Allensbach-Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung zeigt große Informationsdefizite bei der Berufsorientierung

Nur gut die Hälfte der Schüler in Deutschland (56 Prozent) fühlt sich ausreichend über ihre beruflichen Möglichkeiten informiert. Von denen, die Informationsdefizite beklagen, geben 54 Prozent an, nicht zu wissen, welche Berufe gute Zukunftsaussichten bieten. Gleichzeitig rangiert die Zukunftsbranche des IT- und Computersektors auf dem letzten Platz der von Schülern benannten Traumberufe. Dies ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung unter Schülern und Eltern in Deutschland. „Diese Ergebnisse sind deshalb so bedenklich, weil die jüngste Ausbildungsstatistik der Arbeitsagentur gezeigt hat, dass auch in diesem Jahr die Zahl der unbesetzten Lehrstellen angestiegen ist, während es gleichzeitig noch viele unversorgte Bewerber gab“, so Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung. Dies habe zwar verschiedene Ursachen, so Speich weiter, aber eine Verbesserung der Berufsorientierung wäre für beide Seiten sehr hilfreich – für die Schüler auf ihrem weiteren Bildungsweg und für die Unternehmen bei der Fachkräftesicherung.

Schüler an Sekundarschulen und Gymnasien gleichermaßen schlecht informiert
„Informationsdefizite zur Ausbildungs- und Berufsorientierung sind ein Problem für viele Schüler in Deutschland“, so Professor Renate Köcher, Leiterin des Institut für Demoskopie Allensbach. Von denjenigen, die sich unzureichend informiert fühlen, so Köcher weiter, gibt mehr als die Hälfte der Sekundarschüler an, dass ihnen ganz grundlegende Informationen dazu fehlen, welche Ausbildungswege es überhaupt gibt, während fast zwei Drittel der Gymnasiasten sagen, dass sie zu wenig über bestimmte Studiengänge zu wissen.

Angebote der Bundesagentur für Arbeit werden kaum genutzt
Besonders auffällig ist, dass die umfassenden Angebote der Agentur für Arbeit von Schülern kaum genutzt werden. Lediglich 25 Prozent der Schüler haben sich bisher dort informiert. Wiederum für nur rund ein Drittel von diesen war dies hilfreich (32 Prozent). Ebenso skeptisch werden Internetangebote beurteilt. Nur gut ein Drittel derer, die sich online informierten, fanden dort gute Informationsangebote (36 Prozent).

Schüler suchen praxisnahe Informationen und wünschen sich Brücken-Rolle der Schulen
Schüler legen Wert auf praxisnahe Informationen: Praktika und Gespräche mit Berufstätigen aus dem an-gestrebten Berufsfeld wurden von der überwiegenden Mehrheit (75 bzw. 63 Prozent) als die hilfreichsten Informationsquellen angegeben. Mehr als die Hälfte empfand zudem Informationstage und -angebote von Unternehmen als hilfreich (53 bzw. 52 Prozent). Von den Schülern, die sich mehr Unterstützung bei der Berufsorientierung wünschen, sehen die überwiegende Mehrheit ihre Schule als zentralen Bezugsort für weitere Informationen. Die Koordinierung zwischen Schulen, Unternehmen und den zuständigen Behörden gilt es also weiter zu verstärken. 

Gerade Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern wollen mehr Unterstützung
Auch bei der Berufsorientierung zeigt sich die enge Verknüpfung von sozialer Herkunft und Bildungs- und Zukunftschancen in Deutschland. Denn obgleich fast die Hälfte der Schüler, unabhängig von der besuchten Schulart, angibt, dass ihnen die Berufswahl schwer fällt (46 Prozent), und die Berufsorientierung damit eine grundsätzliche Herausforderung für junge Menschen darstellt, wünschen sich doppelt so viele Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern (31 Prozent) ein Mehr an Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufsori-entierung als Kinder aus Akademikerhaushalten (16 Prozent).

Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Ausbildungs- und Berufsorientierung
Die spiegelbildliche Befragung von Schülern und Eltern demonstriert die zentrale Rolle, die Eltern bei der Ausbildungs- und Berufsorientierung spielen. Knapp zwei Drittel der Eltern (61 Prozent) empfinden es als selbstverständlich, sich bei der Berufsorientierung ihrer Kinder einzubringen. 75 Prozent der Schüler wün-schen sich die Unterstützung ihres Vaters, 85 Prozent die Hilfe der Mutter. Wie wichtig die elterliche Unter-stützung ist, zeigt sich daran, dass sich diejenigen Schüler, die von ihren Eltern intensiv unterstützt werden, besser über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten informiert fühlen, ihnen die Berufswahl leichter fällt und sie häufiger konkrete Vorstellungen darüber haben, was sie beruflich machen möchten.

Die stützende Rolle der Eltern betont auch Professor Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance, wissenschaftlicher Kommentator der Studie. Zugleich warnt er aber vor einer Blockade der sozialen Mobilität: „Der Schulterschluss zwischen Eltern und Kindern sorgt nämlich unbeabsichtigt und unfreiwillig für eine Fortsetzung sozialer Ungleichheiten von einer Generation zur nächsten.“ Er plädiert daher für die Institutionalisierung professioneller und individueller Angebote in der Berufsorientierung.


Über die Studie
Stichprobe: 528 Interviews mit Schülern der letzten 3 Klassen an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen (Klassen 8–10 an Schulen ohne gymnasiale Oberstufe; Klassen 10 –12 an G-8-Gymnasien; Klassen 11–13 an G9-Gymnasien bzw. integrierten Gesamtschulen). Sowie 483 Interviews mit Eltern, deren (ältestes) Schulkind eine der letzten 3 Klassen an einer allgemeinbildenden weiterführenden Schule besucht.
Art der Befragung: mündlich-persönliche Interviews (face-to-face)
Zeitraum der Befragung: September 2014
Methodische Gesamtverantwortung und Durchführung: Institut für Demoskopie Allensbach


Über das Institut für Demoskopie Allensbach
Das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD Allensbach), häufig auch einfach als »Allens-bacher Institut« bezeichnet, wurde 1947 von Professor Dr. Dr. h.c. Elisabeth Noelle-Neumann (†) gegründet. Es gehört heute zu den renommiertesten Adressen für die Umfrageforschung in Deutschland. Das Institut hat rund 100 festangestellte Mitarbeiter. Es besitzt mit rund 1.600 Interviewerinnen und Interviewern eine der größten Feldorganisationen für Face-to-Face-Interviews in Deutschland. Als Geschäftsführerin leitet heute Professor Dr. Renate Köcher das IfD Allensbach. Das Institut befindet sich im Besitz der Stiftung Demoskopie Allensbach. www.ifd-allensbach.de


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