17. Mai 2022

Interview: „Gerade haben wir auf TikTok noch die Möglichkeit, relativ isoliert mit einem jungen Publikum zu kommunizieren.“

Im Interview mit Tobias B. Bacherle, MdB Bündnis 90/Die Grünen

Tobias B. Bacherle (Bündnis 90 / Die Grünen) geboren 1994; wurde 2021 erstmalig als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag gewählt. Seit 2014 ist er zudem Stadtrat seiner Heimatstadt Sindelfingen.

Wie sehen Sie die Stimme von jungen Menschen in der Politik aktuell vertreten?

Ich glaube, es gibt zwei gegensätzliche Entwicklungen: Während der Corona-Pandemie wurde die Stimme der Jugend massiv zurückgedrängt und es ging immer zuletzt um die Bedürfnisse junger Menschen. Das war in vielerlei Hinsicht frustrierend. Gleichzeitig sitzen seit der letzten Bundestagswahl viel mehr unter 30-Jährige im Bundestag. Das geht schon sehr in Richtung der gesellschaftlichen Repräsentation dieser Altersgruppe und damit auch einer besseren Vertretung ihrer Interessen

Die Mehrheit junger Menschen möchte etwas verändern. Welche Formate braucht es neben einer ausreichenden Repräsentation, um politische Partizipation zu garantieren?

Jugendgemeinderäte sind absolut sinnvoll. Man muss aber immer aufpassen, wie man sie ausstattet: Es gibt nichts Schlimmeres als eine Demokratiesimulation ohne echte Wirkmacht. Im Zweifelsfall müssen Machtbegrenzungen ehrlich kommuniziert werden. In jedem Fall brauchen Jugendliche eine politische Spielwiese, in deren Rahmen sie wirklich selbst gestalten und Verantwortung übernehmen Mehr Abgeordnete können. Und am Ende bleibt es trotzdem das Wichtigste, junge Menschen in tatsächliche politische Prozesse zu involvieren. Im Grunde glaube ich, dass wir uns um die jungen Menschen keine Sorgen machen müssen, gerade wenn sie bald mit 16 zum ersten Mal wählen dürfen. Wenn dann eventuell sogar zwei Wahlen – eine Landtagswahl und eine Kommunalwahl – in die Schulzeit fallen, ist damit eigentlich schon eine enorme Stärkung des demokratischen Wissens verbunden. Wir wissen aus vielen Studien: Wer einmal nicht wählen war, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass er beim nächsten Mal wieder nicht wählen geht – umgekehrt gilt das natürlich genauso.

»Wir müssen mehr Abgeordnete in die
Schulen holen. Gerade jetzt, wo wir
so viele junge Leute im Parlament haben.
[…] Vielleicht sollte man eine Stelle im
Bundestag ansiedeln, die genau diesen
Austausch organisiert.«

Tobias B. Bacherle
MdB (Bündnis 90/DieGrünen)

Trotzdem fällt es vielen jungen Menschen schwer, unser politisches System zu verstehen. Deutet das auf einen enormen Nachholbedarf in Sachen politischer Bildung hin?

Ich glaube, dass viele politikwissenschaftliche Bildungsansätze daran kranken, dass sie persönliche Verbindungen unterschätzen. Am wichtigsten ist es, mit Entscheidungsträger:innen in Verbindung zu kommen. Das passiert klassischerweise über Parteien. Parteien als meinungs- und willensbildende Organisationen leisten starke politische Bildungsarbeit, im Besonderen die Jugendorganisationen. Leider werden sie immer noch sehr unterschätzt und zu oft in die parteipolitische, rein machtpolitische Ecke gedrängt. Ich glaube, wir müssen über die Idee hinwegkommen, dass man in eine Partei eintritt und dann mit den Füßen voran wieder herausgetragen wird. Man kann auch ganz wunderbar nur ein paar Mal zu einer Partei gehen, sich informieren und dann nie wieder kommen. Einen zweiter Punkt ist mir wichtig: Wir müssen mehr Abgeordnete in die Schulen holen. Gerade jetzt, wo wir so viele junge Leute im Parlament haben. Sie können eine Vermittlungsfunktion übernehmen. Und damit meine ich nicht die Vermittlung parteipolitischer Inhalte, sondern die demokratischer Prozesse. Vielleicht sollte man eine Stelle im Bundestag ansiedeln, die genau diesen Austausch organisiert.

Was tun Sie persönlich, als junger Abgeordneter, um gezielt mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen?

Das ist gar nicht so einfach, weil sich auf vielen
Kanälen die Altersgruppen mischen. Für einen gezielten
Austausch mit jungen Menschen ist das ein
großes Problem. Gerade haben wir auf TikTok noch
die Möglichkeit, relativ isoliert mit einem jungen
Publikum zu kommunizieren und Sprache, Ästhetik
und Authentizitätslevel auf es einzustellen. Auf
Instagram und auf Twitter kommt allmählich eine
Audience dazu, die das unseriös fi ndet. Am besten
komme ich aber in Schulen oder auf Jugendkonferenzen
mit jungen Menschen ins Gespräch – oder wenn
ich gezielt junge Initiativen einlade.

»Gerade haben wir auf TikTok noch die Möglichkeit, relativ isoliert mit einem jungen Publikum zu kommunizieren und Sprache, Ästhetik und Authentizitätslevel auf es einzustellen.«

Tobias B. Bacherle
MdB (Bündnis 90/DieGrünen)

Haben Politiker:innen – gerade auch gegenüber jungen Menschen – eine besondere Verantwortung, was die Themen Desinformation und Hate Speech auf sozialen Plattformen angeht?

Die junge Generation erkennt Falschinformationen viel besser als ältere Generationen – das haben diverse Studien gezeigt. Trotzdem ist es natürlich unsere Pflicht als politische Akteur:innen, genau zu prüfen, was wir teilen, und offen damit umzugehen, wenn wir selbst auf Desinformation reingefallen sind. Hate Speech ist ein schwieriges Thema. Ich finde es sehr wichtig, dass alles, was strafrechtlich relevant ist, auch strafrechtlich verfolgt wird. Gleichzeitig darf aber auch kein Overblocking stattfinden. Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass wir die Grenzen zwischen harscher Kritik und Hate Speech zu sehr verwischen.

Fotonachweise

Philipp Sigle

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