26. April 2022

Interview: „Kinder sollten lernen, wie sie selbst ihre Rechte wahrnehmen, Gehör finden und als Bürger:innen Wirkung entfalten können.“

Im Interview mit Ria Schröder, MdB FDP

Ria Schröder (FDP) geboren 1992; ist Mitglied des Deutschen Bundestags und bildungspolitische Sprecherin der FDP Bundestagsfraktion. Bis 2020 war sie Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt: »Während der Pandemie wurden junge Menschen belächelt oder von der Polizei durch den Park gejagt.« Müssen Politiker:innen mehr für die Jugend tun?

Absolut – nicht nur, weil junge Menschen besonders unter der Pandemie gelitten haben, sondern auch, weil die Themen der jungen Generation – Klimaschutz, Bildung, Digitalisierung, Demografie – entscheidend für die Zukunft unseres Landes sind. Viele junge Menschen sind sehr politisch und wissen manchmal nicht, wohin mit dieser Energie. Deswegen ermutige ich junge Menschen, sich zu Wort zu melden. Durch unser Wahlsystem, aber auch durch die Aufmerksamkeitsverteilung in unserem Land haben die Interessen junger Menschen oft nicht so viel Gewicht in den politischen Debatten wie die Stimmen anderer Akteur:innen. Deswegen trage ich als junge Politikerin eine besondere Verantwortung für meine Generation

Unsere Studie zeigt, dass es 62 Prozent der 14- bis 24-Jährigen mit formal niedriger Bildung schwerfällt, zu verstehen, wie das politische System funktioniert. Wir haben also Nachholbedarf in Sachen politische Bildung. Wo müssen wir dabei ansetzen?

Politische Bildung sollte viel früher ansetzen, als das bislang der Fall ist. Ich war kürzlich in einer Hamburger Grundschule, während in der 2c gerade der Klassenrat tagte und über die Sitzordnung abstimmte. Auch in der zweiten Klasse gibt es schon altersgerechte Möglichkeiten, zu lernen, wie eine Demokratie funktioniert, wie man unterschiedliche Positionen vertreten und am Ende eine Mehrheit finden kann. Genau das muss sich an Schulen etablieren. Dabei darf es nicht nur darum gehen, wie Demokratie theoretisch funktioniert, sondern Kinder sollten lernen, wie sie selbst ihre Rechte wahrnehmen, Gehör finden und als Bürger:innen Wirkung entfalten können. Hier wünsche ich mir auch mehr Vertrauen der Schulen gegenüber den politischen Jugendorganisationen. Die haben häufig keine Möglichkeiten, in die Schulen zu gehen, und wenn, dann immer nur kurz vor den Wahlen. Ich glaube aber, dass sie auch darüber hinaus wichtige Ansprechpartner:innen für junge Menschen sind. Sie kommunizieren auf Augenhöhe, können Wege in die Parteien zeigen, aber auch, wie man seiner Meinung abseits dessen Gehör verschafft. Das gilt für alle demokratischen Jugendorganisationen, nicht nur für die JuLis.

„Kinder sollten lernen, wie sie selbst ihre Rechte wahrnehmen, Gehör finden und als Bürger:innen Wirkung entfalten können“

Ria Schröder
MdB (FDP)

Unsere Daten zeigen, dass sich junge Menschen mit einem niedrigen formalen Bildungshintergrund weniger über Politik informieren und seltener das Gefühl haben, Politik beeinflussen zu können. Wie können Politiker:innen diese jungen Männer und Frauen erreichen?

Als Politiker:in muss man sich immer wieder fragen: Wie kommuniziere ich Entscheidungen? Viele junge Abgeordnete nutzen Social Media jeden Tag und versuchen dort, möglichst viele Menschen mitzunehmen und Politik niedrigschwellig zu erklären. Das ist sicher eine Möglichkeit. Ich war im Bundestagswahlkampf viel in Hamburg- Billstedt und Hamburg-Wilhelmsburg unterwegs – also in Stadtteilen, die viele schon abgeschrieben haben. Dort leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, die oft schlechte Bildungsperspektiven haben. In meinen Flyern habe ich gezielt Themen aufgenommen, die für diese Menschen wichtig sind – zum Beispiel Talentschulen und die Abschaffung der Zuverdienstgrenzen bei Hartz IV. Das ist extrem gut angekommen. Auch deshalb, weil viele Politiker:innen nicht nach Billstedt gehen und die Menschen dort nicht als relevante Zielgruppe begreifen. Ihre Bedürfnisse und Sorgen werden selten gehört, dabei ist für die jungen Leute dort Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit besonders wichtig.

Welche Kanäle und Formate helfen Ihnen, im digitalen Raum in Kontakt mit jungen Menschen zu kommen?

Ich nutze unterschiedliche Plattformen für unterschiedliche Zielgruppen. Wenn ich etwas bei Facebook poste, gehe ich nicht davon aus, dass es jemand unter 30 liest, der mir nicht sowieso schon folgt. Mein Hauptkanal ist Instagram – einfach, weil es mir auch am meisten Spaß macht. Über Reels kann ich zum Beispiel sehr gut Leute erreichen, die mir noch nicht folgen und sich nicht so für Politik interessieren. Oft poste ich auch Videos, die ein bisschen lustiger und niedrigschwelliger sind, um erst mal Interesse zu wecken. Als junge Politikerin sehe ich mich auch in der Verantwortung, explizit Inhalte für junge Menschen zu produzieren. Es gibt genug Politiker:innen, die ausschließlich für eine ältere Zielgruppe kommunizieren.

„Als junge Politikerin sehe ich mich […] in der Verantwortung, explizit Inhalte für junge Menschen zu produzieren.“

Ria Schröder
MdB (FDP)

Sehen Sie Wege oder Formate, um im Besonderen junge Frauen besser anzusprechen und ihr Interesse an Politik zu wecken?

Ich glaube, dass Vorbilder immens wichtig sind, und zwar nicht nur in der Politik. Es gibt zum Beispiel mehr und mehr Schauspielerinnen, die sich zu Wort melden und politisch aktiv werden. Dabei ist es essenziell, dass wir Frauen – wie es leider oft passiert – nicht auf ihr Engagement im ehrenamtlichen Bereich reduzieren. Bei der Tafel oder der Caritas gibt es beispielsweise sehr viele Frauen, die sich engagieren und damit einen viel größeren Beitrag zu politischen Veränderungen leisten, als mitunter sichtbar wird. Aber wenn wir nicht nur ein Pflaster auf die Verhältnisse kleben, sondern sie umwälzen wollen, dann müssen Frauen auch in die aktive Politik gehen. Die gute Nachricht ist: Dort warten schon viele, die sie unterstützen können. Ich möchte junge Frauen daher dazu ermutigen, sich zusammenzutun und Netzwerke zu bilden. Gemeinsam können wir unheimlich viel bewegen – und es gibt viel zu tun!

86 Prozent der Befragten glauben nicht, dass es künftigen Generationen besser gehen wird. Blicken Sie selbst eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Wir haben das Glück, bisher in einem weitestgehend friedlichen Europa aufgewachsen zu sein, mit einer europäischen Union und mit relativ guten ökonomischen Verhältnissen. An dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine sehen wir aber leider, wie schnell Frieden und Demokratie auf dem Spiel stehen können. Außerdem sind die Finanzkrise, der Brexit, die Klimakrise und die Corona-Pandemie Teil unseres Lebens, deswegen kann ich die Sorgen nachvollziehen. Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen ihre Zukunft in die Hand nehmen.

Fotonachweise
Patrick Lux

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