06. MAI 2020

The New Normal: Schule auf Distanz

In einer repräsentativen Befragung unter Lehrkräften verschiedener Schulformen und Schulstufen in Deutschland hat die Vodafone Stiftung Eindrücke, Erlebnisse und Herausforderungen des neuen Lernalltags während der Schulschließungen festgehalten. Dr. Johanna Börsch-Supan, Leiterin Strategie und Programm bei der Vodafone Stiftung, nimmt eine Einordnung der Studienergebnisse vor und spricht über Handlungsempfehlungen, die sich für die Gestaltung des neuen Schulalltags während der schrittweisen Öffnungen ergeben:

Die Debatte um Schulöffnungen ist in vollem Gange. Die Kultusministerien einiger Bundesländer haben schon Fahrpläne für rollierenden Unterricht vorgelegt, der allen Kindern und Jugendlichen ermöglichen soll, noch vor den Sommerferien zumindest zeitweise wieder zur Schule zu gehen. Gleichzeitig zeigen zwei aktuelle wissenschaftliche Studien, wie entscheidend Schulschließungen sein könnten, um die Ausweitung der Pandemie verlangsamen. Klar ist: Bis ein Impfstoff gefunden, getestet und für Milliarden von Menschen weltweit zur Verfügung gestellt ist, müssen wir uns darauf einstellen, dass Fernunterricht in der einen oder anderen Form Teil des neuen Schulalltags in Deutschland wird.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aus den Erfahrungen der letzten sieben Wochen zu lernen und den neuen Schulalltag so zu gestalten, dass er nicht nur Notversorgung garantiert, sondern jede Schülerin und jeden Schüler abholt. Eine neue Studie der Vodafone Stiftung – entwickelt mit den Expertinnen für digitales Lernen Prof. Dr. Birgit Eickelmann und PD Dr. Kerstin Drossel – gibt hierzu wichtige Impulse.

STATEMENT

Digitales Lernen ist kein „nice-to-have“ mehr, sondern ein „must-have“, um für Millionen von Schülerinnen und Schülern Bildungsperspektiven offen zu halten.

Dr. Johanna Börsch-Supan, Leiterin Strategie und Programm, Vodafone Stiftung

Die repräsentative Befragung von Lehrkräften in Deutschland zeigt, dass die Schulen, an denen bereits vor den Schulschließungen vermehrt digitale Technologien eingesetzt wurden, am besten auf die neue Situation vorbereitet waren: Sie stellen deutlich häufiger digitale Lernangebote zur Verfügung, erreichen einen größeren Anteil ihrer Schülerinnen und Schüler problemlos und sorgen sich weniger über einen Anstieg von Bildungsungleichheit. Dieser Zusammenhang mag offensichtlich klingen, er zeigt aber vor allem, dass digitale Lern- und Lehrmethoden kein „nice-to-have“ mehr sind, sondern in Zeiten von Corona ein „must-have“, um für Millionen von Schülerinnen und Schülern Bildungsperspektiven offen zu halten.

Dazu gehört in einem ersten Schritt eine adäquate technische Ausstattung: Nur einem guten Drittel (35 Prozent) der Lehrkräfte gelingt es, zu sämtlichen ihrer Schülerinnen und Schüler Kontakt zu halten. Fragt man woran das liegt, ist die häufigste Antwort die fehlende Technik im Elternhaus. Ein aktueller Report des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass die wenigsten 12- und 14-Jährigen in Deutschland einen eigenen PC haben – die meisten teilen sich Geräte mit den Eltern und Geschwistern. Hier braucht es rasche, unbürokratische und großzügige Förderangebote der Politik. Das 500-Millionen Sofortprogramm des BMBF ist ein wichtiger erster Schritt. Allerdings sind die hier angedachten 150 Euro Zuschuss pro „bedürftigem“ Kind in Anbetracht der tatsächlichen Kosten von Laptops oder PCs ein Tropfen auf den heißen Stein. Milliarden werden derzeit in die Rettung von Unternehmen gesteckt. Auch in der Bildung geht es darum – zukünftige – Existenzen zu sichern. Auch hier gehört geklotzt und nicht gekleckert.

Gleichzeitig müssen auch Schulen und Lehrkräfte gestärkt werden. Immerhin ein Viertel (24 Prozent) der Lehrkräfte gibt an, bei der Umsetzung der Unterrichtsinhalte während der Krisenzeit auf sich allein gestellt zu sein. Wichtig ist es jetzt, Strukturen zu schaffen – damit sich Lehrkräften gezielt fortbilden und besser vernetzen können. Viele Lehrkräfte haben sich schon als Expertinnen und Experten in digitaler Bildung etabliert. Ihre Best-Practice-Ansätze müssen dringend schulübergreifend – jenseits vom #Twitterlehrerzimmer – mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung erfahren.

Wenn wir aus den Erfolgen (!) der letzten Wochen etwas lernen können, dann ist es die Bedeutung des Pragmatismus. In der Krise haben wir gelernt, schnelle, pragmatische Lösungen zu finden. Denn häufig verliert sich die Bildungsdebatte in den großen Fragen. Viele Lehrkräfte brauchen nicht die didaktische Komplettlösung, sie suchen – auch schon vor der Krise – vor allem nach praxisorientierten Angeboten und konkreten Handreichungen, um ihren Unterricht Schritt für Schritt ins Digitale übersetzen zu können. Die Krise zeigt, dass wir hier durch Videochats und Online-Fortbildungen schnell gute Angebote schaffen können. Wenn wir also über das New Normal, den neuen Schulalltag, sprechen, dann wünsche ich mir vor allem eins: Eine Gemeinschaftsanstrengung, um die Strukturen für gute Bildung in den kommenden Monaten und Jahren zu schaffen. Und: Dabei ganz viel gesunden Pragmatismus.

Dieser Beitrag wurde am 06. Mai 2020 auf LinkedIn veröffentlicht.

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