1. Dezember 2021

Keine Ausreden mehr: Digitaler Unterricht funktioniert auch mit einfachsten Mitteln!

Im Interview mit Nina Toller, Gymnasiallehrerin

Nina Toller zählt zu Deutschlands Digital-Vorbildern. Mit ihren Unterrichtsideen auf Twitter, Instagram, Youtube und Co begeistert sie regelmäßig Tausende von Bildungspraktiker:innen und Interessierten. Bereits seit 2016 engagiert sich die Preisträgerin des Digital Female Leader Awards für Digitales Lernen und Lehren. Als Lehrerin und Mitglied der Schulleitung unterrichtet sie am Franz-Haniel-Gymnasium in Duisburg die Fächer Englisch, Geschichte, Latein und Informatik – dabei denkt sie Bildung immer wieder neu. Von Latein im TikTok-Style, Erklärvideos bis hin zu virtuellen Museumsbesuchen – das Erfolgsrezept von Nina Toller ist simpel: einfach machen!

Mit Ihren Unterrichtsideen sind Sie auf allen wichtigen Social Media-Kanälen präsent. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Als ich vor fünf Jahren meinen Blog ins Leben rief, fühlte ich mich zu Beginn meines Berufsstarts wie in einem Paralleluniversum. Ich habe mich ständig gefragt, warum wir im Alltag ganz selbstverständlich so viele technische Neuerungen nutzen, die uns das Leben erleichtern und uns entlasten, aber diese keine Verwendung in den Schulen finden. Der digitale Fortschritt schien für mich vor den Schultoren stehen geblieben zu sein. Mit meinem Blog möchte ich zeigen, dass es ohne aufwendige, technische Ausstattung möglich ist, den Unterricht lebendig und zeitgemäß zu gestalten. Man muss sich nur trauen, das Ganze kreativer anzugehen und es einfach machen!

Sie beschreiben sich in Ihrem Blog als „Alleinkämpferin auf dem digitalen Schlachtfeld“. Warum sind Sie als Verfechterin des digitalen Lernens und Lehrens immer noch allein auf weiter Flur? Wer oder was hemmt den Fortschritt an Deutschlands Schulen?

Es beginnt mit dem extremen Negativ-Beispiel einer Lehrkraft. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie einmal eine Sache erprobt hat und sich die nächsten 30 Jahre immer wieder darauf verlässt. Diese Lehrkräfte machen ihren Job vielleicht auch gut, aber es gibt eben keine Innovationen im Unterricht. Dann gibt es ganz viele Faktoren, die vom System her Neuerungen hemmen. Als Lehrerin muss ich zum Beispiel so gut wie jede Fortbildung in meiner Freizeit besuchen. Das ist ein enormer, zusätzlicher Aufwand, den nicht jeder leisten kann und möchte. Hinzukommt, dass die Weiterbildungen, die von den Ministerien angeboten werden, immer noch nicht so weit sind, dass sich Lehrkräfte im genügenden Maße wirklich fortbilden können. Die technische Anwendung steht immer noch im Vordergrund, aber es fehlen didaktische Best Practice Beispiele aus dem Unterricht.

STATEMENT

„Ich möchte zeigen, dass es ohne aufwendige, technische Ausstattung möglich ist, den Unterricht lebendig und zeitgemäß zu gestalten. Man muss sich nur trauen, das Ganze kreativer anzugehen und es einfach machen!“

Nina Toller, Lehrerin und Digital-Vorbild aus Duisburg

Was müsste von Seiten der Politik getan werden, um das moderne Lernen an Deutschlands Schulen flächendeckend zu ermöglichen? Sollte Bildung politisch zentral gesteuert werden und nicht mehr föderalistisch, wie es Wolfgang Schäuble kürzlich anregte?

Da bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Ich glaube, der Föderalismus hat seine Vorteile. Zum Beispiel Innovationen im Unterricht zu entwickeln und diese in einem Bundesland auszuprobieren. Ich habe die Befürchtung, dass, wenn die Bildung zentral gesteuert werden würde, das Niveau insgesamt sinkt, weil man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen müsste. Dennoch könnte man auf Bundesebene im Rahmen der Bildungsministerkonferenzen durchaus Dinge verändern und verbessern. Zum Beispiel, dass für Lehramtsstudierende digitale Didaktik endlich verpflichtend im Lehrplan verankert wird.

Welche Dinge würden Sie ändern, um die Modernisierung an Schulen voranzutreiben?

Ganz wichtig ist es, nicht immer nur in den alten Strukturen zu denken. Ich würde das didaktische Konzept erweitern. Dabei würde ich den Unterricht offener gestalten und die Schülerinnen und Schüler viel mehr mit einbeziehen. Dabei ist das sogenannte 4K-Modell eine gute Orientierung: Kommunikation, Kritisches Denken, Kollaboration und Kreativität bieten eine Grundlage für die pädagogisch-didaktische Arbeit des 21. Jahrhunderts. Das Ganze lässt sich sehr gut mit digitalen Medien kombinieren.

Über welche Kompetenzen sollten heutzutage die Lehrer:innen verfügen?

Ich würde mir mehr Mut und Offenheit als Basiskompetenzen wünschen. Und dass sie Vertrauen in die Technik haben. In dieser Hinsicht hat die Pandemie ein Umdenken hervorgebracht, weil das Verteufeln der neuen Medien nicht mehr in dem Ausmaß stattfindet. Die Lehrkräfte haben gesehen, dass neue Medien notwendig sind und uns diese wirklich geholfen haben.

Sie fordern Ihre Kolleg:innen dazu auf, sich stärker zu vernetzen. Welche Vorteile sehen Sie darin und warum fällt es gerade Pädagog:innen schwer, sich untereinander auszutauschen?

Viele Lehrkräfte machen immer noch ihr eigenes Ding. Sie sind es gewohnt, alleine zu arbeiten und das Unterrichtsmaterial nicht mit anderen zu teilen. Eine ‚Vernetzung‘ im Lehrerzimmer findet nur dann statt, wenn man sich über einzelne Schüler :innen oder eine Klasse austauscht. Durch meine Social-Media-Auftritte wird mein Online-Kollegium immer größer. Gemeinsam können wir vieles rocken, weil wir uns über Twitter und Instagram gegenseitig unterstützen und uns Tipps und Anregungen geben. Wir nennen das ‚Mikrofortbildungen‘. Das System Schule kennt es leider nicht, dass Lehrkräfte auf Social-Media-Kanälen unterwegs sind und fördert es daher auch nicht.

Klassischer Frontalunterricht ist für Sie ein alter Hut. Welche Lernumgebung brauchen Schüler:innen, um sich für den Unterrichtsstoff begeistern zu können?

Ich lasse meine Schüler:innen viele neue Formate ausprobieren, um den Unterrichtsstoff besser verständlich und anschaulich zu machen. Das kann die eigene Aufnahme eines Erklärvideos sein oder eine Emoji-Story über ein bestimmtes Thema. Dadurch entwickeln sie eine Fülle an kreativen Ideen. Für die Einführung einer neuen Lektion im Lateinunterricht haben die Schüler:innen beispielsweise ihre Playmobilfiguren eingesetzt, um ihren Mitschüler:innen in einer Minute im TikTok-Style zu erklären, was der Circus Maximus war und wie ein Wagenrennen im alten Rom ablief.

An vielen Schulen ist die Benutzung des Smartphones im Unterricht tabu. Sie setzen es ganz bewusst im Unterricht ein. Welche Vorteile ergeben sich daraus?

Warum sollte ich mich davor verschließen, wenn die Kinder nach der Schule ihr Smartphone regelmäßig nutzen? Mein Ziel ist es, dass die Schüler:innen den Mini-Computer als Arbeits- und Lerngerät kennen lernen und das, was darauf ist, z.B. Kamera, Audio und Video für die Aufbereitung des Lernstoffs sinnvoll einsetzen.

Ihre Kreativität scheint grenzenlos zu sein. Was war die beste, digitale Unterrichtsstunde, die Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Im Englischunterricht habe ich mit einer Klasse einen Roman und ein Gedicht gelesen. Die Autor:innen der beiden Werke leben in England und Australien. Ich habe die Schriftsteller:innen kurzerhand angeschrieben und gefragt, ob sie den Schüler:innen für ein Interview via Skype zur Verfügung stehen würden. Beide haben sofort zugesagt! Für die Klasse war die virtuelle Begegnung ein tolles Erlebnis! Das liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück, aber ich werde immer noch darauf angesprochen.

Fotonachweise
Linkes Bild: Maria Panzer
Rechtes Bild: Thomas Clemens

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