12. Mai 2021

„Lernen auf Distanz hat gezeigt, dass Schule auch anders funktionieren kann“

Im Interview mit Ricarda Thiesen, Grundschullehrerin

„Wie soll man einem Kind aus der Ferne etwas erklären, wenn es gerade erst ein paar Monate zur Schule geht?“, fragte sich Ricarda Thiesen, als es während der Corona-Pandemie zum ersten Lockdown in Deutschland kommt. Wie viele ihrer Kolleg:innen musste die Grundschullehrerin der Alwin-Lensch-Schule in Niebüll von heute auf morgen auf die Distanzlehre umstellen. Dabei beschäftigte Ricarda Thiesen eine weitere Herausforderung: Wie sollte sie in dieser Situation einen Unterricht organisieren, der alle Schüler:innen mit Lehrinhalten versorgt und gleichzeitig eine sozial-emotionale Ebene aufbaut? Aus Erfahrung wusste sie, dass Kinder etwas fürs Herz benötigen – ein Bezugsobjekt abseits des Unterrichts, das spielerisches Lernen unterstützt. Deshalb erfand und nähte sie HuPert, eine pinkfarbene Handpuppe, die der Protagonist ihrer Lernvideos wurde.

 

Welche Herausforderungen waren in dieser Distanzzeit die größten für Sie als Lehrkraft, für die Kinder und die Eltern?

Die Heterogenität der Kinder aufzufangen, empfand ich als sehr schwer. Man kann in Videokonferenzen einfach nicht auf ein Kind individuell eingehen. Hinzu kommt, dass Kinder in der ersten und zweiten Klasse noch nicht in der Lage sind, selbständig zu lernen. Wie soll man ihnen aus der Ferne erklären, wie man einen Füller richtig hält oder das Lineal korrekt an einer Linie ansetzt? Vieles ist in den ersten Lernjahren einfach haptisch. Von daher war es unerlässlich, dass ein Elternteil sein Kind während des digitalen Unterrichts betreute, es am Computer oder Tablet lenkte, die nötigen Einstellungen vornahm und es zum Mitmachen anregte. Ohne die Mithilfe der Eltern wären wir an unsere Grenzen gestoßen. Die Eltern wiederum mussten sich die Zeit fürs Homeschooling nehmen, dabei waren sie selbst eingespannt mit ihrer beruflichen Tätigkeit.

STATEMENT

„Die Heterogenität der Kinder aufzufangen, empfand ich als sehr schwer. Man kann in Videokonferenzen einfach nicht auf ein Kind individuell eingehen.“

Ricarda Thiesen
Lehrerin

Sie haben Handpuppen gebastelt und Lernvideos gedreht. Was war Ihre Intention?

Ich wollte kurze Lerneinheiten von vier bis maximal zehn Minuten schaffen, die die Kinder nicht überforderten, sie aber gleichzeitig motivierten. So habe ich unter Einbeziehung von HuPert, Fussel, Stine und Co. wichtige Lernstoffe auf spielerische Weise vermitteln können. Da wir zum Zeitpunkt des ersten Lockdowns noch keine Leihgeräte vergeben konnten, habe ich zum Streamen meiner Lernvideos Youtube genutzt, eine Onlineplattform, die auch über Smartphone unkompliziert erreich- und nutzbar ist.

Hat die Homeschooling-Phase auch Chancen freigesetzt?

Die Kinder haben gelernt, dass ein Computer nicht nur ein Spielgerät ist, sondern auch als Lerngerät und zur Informationsbeschaffung dient. In den Videokonferenzen mussten sich alle Kinder sehr diszipliniert verhalten. Die typischen kleinen Ablenkungen im Präsenzunterricht wie Gespräche mit den Tischnachbar:innen oder kleine Streitigkeiten waren obsolet. Das hat zu einem sehr konzentrierten, komprimierten und effizienten Lernen geführt.

Haben Sie als Lehrerin auch Chancen für sich gesehen?

Das Lernen auf Distanz hat gezeigt, dass Schule auch anders funktionieren kann. Plötzlich waren neue Wege, viel Kreativität und Ideenreichtum gefragt. Als Lehrerin konnte ich vieles ausprobieren, ohne dabei an Grenzen zu stoßen. Das hat mir sehr großen Spaß gemacht. Ich konnte mich förmlich austoben und hatte das Gefühl, mehr Freiheiten in der Vermittlung von Unterrichtsinhalten zu genießen.

Wie kann man Kindern beim Lernen im Homeschooling auch über die sozial-emotionale Ebene erreichen?

Die Kinder benötigen etwas fürs Herz. Sie müssen sich geborgen fühlen und trotz der langen Distanzphase ein Zusammengehörigkeitsgefühl spüren. Deshalb habe ich die Handpuppen erfunden. Diese haben für Neugierde und Motivation gesorgt und den Kindern Sicherheit gegeben. Puppen und Plüschtiere sind Teil ihrer Lebenswelt, von daher haben sie HuPert auch sofort als einen der ihren anerkannt.

Wie haben Sie die Handpuppen in Ihre Lernvideos eingebunden?

HuPert erklärt den Kindern zum Beispiel, was Nomen und Verben sind. Dabei macht er auch mal einen Fehler und gibt diesen zu. Als Lehrkraft darf ich keine Fehler machen. HuPert polarisiert. Bei ihm muss nicht alles glatt laufen. Er hat einen sehr individuellen, unverwechselbaren Charakter, mit kleinen Schwächen und Fehlern. Aber gerade diese machen ihn so ungemein sympathisch und lebendig. Nach und nach ist HuPert vom Pausenclown zur erklärenden Person avanciert. Ich bin selber überrascht, was die Figur bei den Kindern ausgelöst hat. Sie interagieren mit ihm. In der Zeit des Lockdowns, in der die Kinder ihre Schulfreund:innen und den gewohnten Alltag sehr vermisst haben, konnte HuPert ein Anker sein, Wärme und Trost spenden.

Wie können Lehrkräfte den Kontakt in einer Distanzzeit zu einzelnen Kindern am besten halten?

Als Lehrer:in hat man ein Gespür für die Schulklasse und genießt ein gewisses Grundvertrauen. Wichtig ist aber auch nahbar sein, authentisch, ein offenes Ohr zu haben, nicht nur für Fragen bezüglich des Lernstoffes und seinen Humor zu behalten. Deshalb haben wir während des Unterrichts auch mal über Privates gesprochen, den Geburtstag, das Haustier, die neueste Bastelkreation. Wenn ich Material zum Abholen zur Verfügung gestellt habe, habe ich ein witziges Foto von HuPert, etwas Süßes oder einen Aufkleber als Belohnung dazu gelegt. In gemeinsamen Videokonferenzen haben wir das oft noch haptische Unterrichtsmaterial bearbeitet. Für die Kinder waren aber die Lernvideos mit HuPert und Fussel die größte Belohnung.

Wird die Pandemie Einfluss auf die Bildungslandschaft nehmen?

Die Bildungsverantwortlichen haben durch die Pandemie erkannt, dass Schulkinder aller Altersstufen befähigt werden müssen, die Digitalisierung als Lernwerkzeug zu verstehen. Corona hat aber auch die Lerngewohnheiten verändert, eine Entwicklung, die uns alle betrifft. Zum Beispiel sprechen prägnante Lernvideos gleich mehrere Wahrnehmungskanäle an. Dadurch führen sie zu einem Lernerfolg und fördern selbstbestimmtes Lernen. Auch meine Schulkinder nutzen die Lernvideos immer noch gerne, um schwierigen Lernstoff aufzuarbeiten. Dabei passt sich das Video ihrem Lernniveau an, denn sie können es so oft wiederholen, bis sie die Thematik verstanden haben.

Wie wird die Distanzzeit die Grundschüler:innen und deren Schulkarriere prägen?

Ich bin mir sicher, dass die Schulkarriere aller Kinder und Jugendlichen durch diese Zeit beeinflusst wird. Für ihre soziale und emotionale Entwicklung ist es wichtig, einander nah zu sein. Schule ist nicht nur ein Ort zum Lernen, sie ist auch ein Ort, um Werte zu vermitteln und Bindungen und Freundschaften zu anderen Menschen außerhalb der Familie aufzubauen. Schule ist ebenso Struktur, Gemeinschaft, Kommunikation und Erziehung, Auseinandersetzung mit anderen Kindern und Lehrkräften, um die eigene soziale Position zu finden und zu festigen. Diese Zeit der vielen unerfüllten Begehrlichkeiten wird sicherlich prägend für viele Kinder und junge Menschen sein, so dass eine gesamtgesellschaftliche Veränderung entstehen kann, die mehr Einzelkämpfer:innen und Egoist:innen hervorbringt.

Sie sind mehrfach ausgezeichnet worden für Ihr Engagement – sogar vom Bundespräsidenten. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Ich habe nicht mit dieser Aufmerksamkeit gerechnet und empfinde dies als große Wertschätzung. Aber ich stehe stellvertretend für viele Lehrkräfte, die in dieser Pandemie andere Wege beschritten und neue Ideen entwickelt haben. Seit meiner eigenen Schulzeit hat sich das Bild von Lehrkräften in der Gesellschaft bedeutend verändert. Laut einer weltweiten Studie „Global teacher status index“ ist in kaum einem anderen Land das Image von Lehrer:innen so schlecht wie in Deutschland. Vielleicht schafft das Bemühen vieler Lehrkräfte – das in der Pandemie sichtbar wurde – hier bedeutend etwas zu verändern. Denn sehr viele von uns sind mit Herzblut und mit viel Freude am Beruf dabei.

 

Zur Interviewpartnerin:
Ricarda Thiesen ist Grundschullehrerin an der Alwin-Lensch-Schule in Risum-Lindholm (Kreis Nordfriesland). Im März 2021 verlieh ihr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für ihr Engagement während der Corona-Pandemie. In der Begründung heißt es: „Es ist dem kreativen und einfühlsamen Engagement von Menschen wie Ricarda Thiesen zu verdanken, dass die großen Herausforderungen der Pandemie besser bewältigt werden.“ 

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