8. Oktober 2020

Studie: Digitales Potenzial

Die Corona-bedingten Schulschließungen und der damit einhergehende Distanzunterricht haben eindringlich gezeigt, wie wichtig es für Schülerinnen und Schüler ist, mit digitalen Technologien umgehen zu können und welche bedeutende Rolle den Schulen in der Vermittlung von Digitalkompetenzen zukommt. Im Verlauf der Krise entstand endlich eine fokussierte und breite Debatte dazu, warum eine adäquate digitale Ausstattung an Schulen in Deutschland entscheidend für eine nachhaltige, zeitgemäße Bildung und die Chancengerechtigkeit ist. Doch während sich die bildungspolitische Debatte in den letzten Wochen fast ausschließlich auf das Thema digitale Infrastruktur fokussierte, stellt sich die Frage, welche anderen Voraussetzungen entscheidend sind, um den digitalen Kompetenzerwerb aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu garantieren.

Die neue Studie „Digitales Potenzial“ von Prof. Dr. Birgit Eickelmann und PD Dr. Kerstin Drossel (Universität Paderborn) im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland untersucht nicht-gymnasiale Schulen, deren Schülerinnen und Schüler überdurchschnittlich hohe Digitalkompetenzen aufweisen – sogenannte digitale Optimalschulen. Anhand ICILS-2018-Daten analysiert die Studie Erfolgsfaktoren digitaler Optimalschulen und zeigt auf, welche Aspekte andere nicht-gymnasiale Schulen für eine bessere Förderung von Digitalkompetenzen aller Schülerinnen und Schüler aufgreifen können. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie sind:

  1. Das Erfolgsrezept: Bei digitalen Optimalschulen gehen technische Ausstattung, Fortbildungen des Kollegiums sowie der reflektierte didaktische Einsatz digitaler Medien im Unterricht Hand in Hand.
  2. Technisch sind diese Schulen nicht umfangreicher ausgestattet als andere Schulen, aber die Ausstattungskonzepte scheinen besser auf die pädagogischen Bedarfe zu passen und werden durch Lehrkräfte effektiver und vielfältiger genutzt: Während 62 Prozent der Lehrkräfte an digitalen Optimalschulen der Meinung sind, dass ihre Schule über ausreichende und pädagogisch passende IT-Ausstattung verfügt, sind es im Durchschnitt aller Schulen nur 47 Prozent. Zudem nutzen Lehrerinnen und Lehrer an digitalen Optimalschulen digitale Medien häufiger zum Präsentieren von Informationen im Frontalunterricht (69 vs. 44 Prozent) sowie zur individuellen Förderung ihrer Schülerinnen und Schüler (24 vs. 15 Prozent).
  3. Lehrkräfte an den digitalen Optimalschulen entwickeln ihre Fähigkeiten für den Einsatz von digitalen Technologien zudem besonders intensiv und mit einer fachlichen Fokussierung gezielt weiter: 48 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer hatte sich bereits vor der Erhebung der ICILS-2018-Studie fachdidaktisch weitergebildet (Durchschnitt aller Schulen in Deutschland: 31 Prozent). Der direkte Bezug der Weiterbildung zum (Fach-)Unterricht ist hier ein wichtiger Erfolgsfaktor.

STATEMENT

Die Aufstockung der digitalen Ausstattung von Lehrkräften, Schülern und Schulen ist dringend notwendig und überfällig. Aber der Fokus der aktuellen bildungspolitischen Debatte auf digitale Infrastruktur greift zu kurz. Der Corona-bedingte Lockdown hat eindringlich gezeigt: Es kommt vor allem darauf an, wie Technologie pädagogisch sinnvoll genutzt werden kann. Wir müssen Lehrkräfte noch viel gezielter und praxisorientierter darin unterstützten, digitale Technologien fächerbezogen im Unterricht und zur Förderung aller Schüleriinnen und Schüler einzusetzen.

Inger Paus
Vorsitzende der Geschäftsführung der Vodafone Stiftung

Bezogen auf das Kompetenzstufenmodell aus der ICILS-2018-Studie gelingt es digitalen Optimalschulen etwa ein Drittel (32 Prozent) ihrer Schülerschaft auf die oberen beiden von fünf Kompetenzstufen zu heben und damit mehr als im Durchschnitt aller Schulen in Deutschland (24 Prozent). Gleichzeitig fallen bei digitalen Optimalschulen nur etwa halb so viele Schülerinnen und Schüler (16 Prozent) auf den unteren beiden Kompetenzstufen zurück wie im bundesweiten Durchschnitt (33 Prozent).

Die Erfolge digitaler Optimalschulen sind umso bemerkenswerter, als dass die seit langem im deutschen Bildungssystem festzumachenden Ungleichheiten an diesen Schulen nicht reproduziert werden. Konkret heißt dies, dass es an diesen Schulen keine signifikanten Leistungsunterschiede in den digitalen Kompetenzen nach Geschlecht, Migrationshintergrund oder der sozialen Lage der Schülerinnen und Schüler gibt.

STATEMENT

Die digitalen Optimalschulen zeigen, dass es auch nicht-gymnasialen Schulen gelingen kann im innerdeutschen und auch im internationalen Vergleich mitzuhalten. Besonders erfreulich ist, dass digitale Optimalschulen bei allen Schülerinnen und Schülern die digitalen Kompetenzen gezielt fördern und sie gleichzeitig chancengerecht sind und Bildungsungleichheiten überwinden. Damit können sie in doppelter Hinsicht beispielgebend für andere Schulen sein.

Prof. Dr. Birgit Eickelmann
Universität Paderborn

Methodik

Bei der hier vorgestellten Studie handelt es sich um eine Sekundärauswertung der Daten der International Computer and Information Literacy Study (ICILS 2018) (Eickelmann et al., 2019). In der ICILS-2018-Studie, deren Da-tenerhebung im Frühjahr und Frühsommer 2018 stattfand, kamen in Deutschland neben computerbasierten Tests zu den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen für Achtklässler:innen (n=3.655), Fragebögen für die getesteten Schülerinnen und Schüler, Schulleitungen, IT-Koordinator:innen sowie Lehrkräfte (n= 2.386) der beteiligten Schulen zum Einsatz. Die ICILS-2018-Daten sind für Schulen in Deutschland repräsentativ und erlauben eine Unterscheidung zwischen Gymnasien und anderen Schulformen der Sekundarstufe I, also Schulen mit nicht oder nicht ausschließlich gymnasialem Bildungsgang (kurz: Nicht-Gymnasien).

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