09. JUNI 2020

Jugendbeteiligung – Das verschenkte Potenzial

In einer Befragung unter 14- bis 24-Jährigen in Deutschland hat die Vodafone Stiftung die Einstellung der jungen Menschen zu politischen Beteiligungsmöglichkeiten und ihrem eigenen Partizipationsverhalten untersucht. Lars Thies, Leiter Thinktank bei der Vodafone Stiftung, spricht über die Studienergebnisse, die Unzufriedenheit der Befragten mit der mangelnden Aufmerksamkeit der Politik für ihre Anliegen und die Chance neuer digitaler Beteiligungsformate:

Manchmal fällt es schwer, sich an eine Zeit vor der Coronakrise zu erinnern. Weit weg scheinen die Monate, in denen Schüler*innen regelmäßig zu zehntausenden auf die Straße gingen, um für Klimaschutz einzutreten. Oder als junge Menschen in ganz Europa gegen die Reform des Urheberrechts und Uploadfilter protestierten. Durch den Druck der weltweiten Proteste kam 2019 endlich Bewegung in die lange überfällige Debatte um eine bessere politische Beteiligung junger Menschen. Doch ist diese leider – wie so viele wichtige Themen – durch die Krise an den Rand gedrängt worden geworden. Dabei rufen die Herausforderungen, die sich derzeit aus der Krise ergeben, mehr denn je nach einer stärkeren Beteiligung der Jugend:  Wie geht es weiter mit der digitalen Ausstattung von Schulen? Welche Perspektiven haben Ausbildungssuchende und Berufseinsteiger in der Krisenzeit? Wie werden Studierende finanziell jetzt und zukünftig abgesichert? Und inwiefern werden Klimaschutz und Nachhaltigkeit in den staatlichen Rettungspaketen berücksichtigt? Bei all diesen Fragen geht es um nicht weniger als um die Zukunft der jungen Generation. Doch wie sehen sie selbst ihre Fähigkeit politisch zu partizipieren?

Junge Menschen wollen mitbestimmen, fühlen sich von der Politik aber nicht gut vertreten

Der Wille zur Mitgestaltung ist da: So ist es 80 Prozent der 14- bis 24-Jährigen wichtig, Politik in Deutschland beeinflussen zu können. Das zeigt eine heute veröffentlichte Studie der Vodafone Stiftung Deutschland zu politischer Beteiligung junger Menschen auf der Grundlage einer Befragung von 2019. Allerdings fühlen sich viele Befragte trotz Engagement von der Politik nicht ernst genommen: Drei von vier (73 Prozent) sehen die Angelegenheiten und Interessen junger Menschen in der aktuellen Politik nur unzureichend repräsentiert. Gut ein Viertel (28 Prozent) ist – übrigens unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand – sogar sehr unzufrieden damit, wie die Politik ihre Anliegen und Interessen aufgreift.

STATEMENT

Es geht darum, junge Menschen zu aktivieren und die wahrgenommene Distanz zwischen ihnen und der Politik zu verringern. Voraussetzung dafür ist, dass Parteien und die Regierung die provisorischen digitalen Formate mit Unterstützung der Jugend dauerhaft in zugänglichere und offenere Beteiligungsmöglichkeiten überführen.

Lars Thies, Leiter Thinktank, Vodafone Stiftung

Die Lebenswirklichkeit junger Menschen ist vor allem eins: digital

Das Internet ist der zentrale Ort für die politische Beteiligung junger Menschen. Die Mehrheit (62 Prozent) beteiligt sich aktiv am öffentlichen Meinungsbildungsprozess, indem sie sich zu politischen Themen online äußern. Die meisten teilen oder liken hierzu Beiträge zu politischen Themen (42 Prozent), nur sieben Prozent verfassen eigene Beiträge. Für die Generation Y und Z ist der digitale Lebensalltag folglich so selbstverständlich, dass sie vor allem dessen Abwesenheit bemerken – findet auch Marcus Spittler in seinem Vorwort zu unserer Studie. So wünschen sich etwa zwei Drittel (66 Prozent), online wählen zu können, etwa drei Viertel (77 Prozent) befürworten Online-Bürgerentscheide

Vom Provisorium zum digitalen Beteiligungsformat

Bislang spielen Online-Formate aber für die politische Willensbildung und Entscheidungsfindung eine untergeordnete Rolle. Dies könnte sich aber durch die Corona-Zeit ändern. Politische Beteiligungsmöglichkeiten, die auf persönlicher Präsenz basieren – wie die Arbeit in den Ortsvereinen der Parteien oder Abstimmungen – lassen sich derzeit nur eingeschränkt realisieren. An deren Stelle treten oft aus der Not geborene digitale Formate – bis hin zum ersten digitalen Parteitag. Darin liegt eine Chance, junge Menschen zu aktivieren und die wahrgenommene Distanz zwischen ihnen und der Politik zu verringern. Voraussetzung ist, dass Parteien und Regierung die provisorischen digitalen Formate (mit Unterstützung der Jugend!) dauerhaft in zugänglichere und offenere Beteiligungsmöglichkeiten überführen, die der Lebenswirklichkeit der Digital Natives näherkommen. Es liegt dann an den jungen Menschen selbst, diese Formate zu nutzen. Gerade jetzt stehen die Chancen gut, dass sie diese Möglichkeit nutzen.

Dieser Beitrag wurde am 09. Juni 2020 auf LinkedIn veröffentlicht.

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